Gehirnakrobatik

Zu viele Zeichen fuer Twitter, zu langfristig fuer Facebook, zu wenig fuer meine Memoiren - aber meine Perspektive zur Welt.

Unser Dorf soll bunter werden - Blonnerau will mit Zuwanderung punkten

"Menschen willkommen" prangt in dutzenden Sprachen auf einem Banner am Rathaus in Blonnerau. Erstmals wirbt ein kleines Dorf gezielt um Zuwanderung. Dahinter verbirgt sich kein hohles Versprechen oder der Wunsch nach medialer Aufmerksamkeit, sondern ein ausgereiftes Konzept namens "Happyzentrum 50+X". 

Dieses bietet für die ersten fünfzig Zuwanderer zwei Programme und Starterkits an, jeweils angepasst für Flüchtlinge aus dem Nicht-EU-Ausland oder Nutznießer der EU-Freizügigkeit. Dieses Konzept soll verschiedene Herausforderungen gleichzeitig meistern und effizient verknüpfen. Dabei bleibt ein Aspekt immer im Vordergrund: Menschlichkeit.


Herr Vilstegen, Ihr Dorf rückt gerade in den Fokus der Öffentlichkeit. Die Umkehr, Zuwanderung als Gewinn zu betrachten und gezielt darum zu werben irritiert nicht wenige Beobachter, wahrscheinlich auch bei Ihnen vor Ort in Blonnerau. Sehen Sie kein Risiko oder Belastungen für Ihren Heimatort?

Es hat seinen Grund, warum wir die Willkommenszeilen auf dem Banner zuerst ins Rumänische und Bulgarische übersetzt und gedruckt haben. Blonnerau hofft natürlich auch gerade auf gut ausgebildete Menschen aus dem Südosten Europas, die ihr Wissen und ihre Kompetenz in unseren Ort bringen. Und wer weiß, vielleicht findet sich auch ein Arzt darunter, der mit unserer Hilfe endlich wieder eine Hausarztpraxis in Blonnerau etablieren will.

Aber es geht nicht nur um Fachkräfte - ganz im Gegenteil. Das Konzept 50+X richtet sich explizit auch an Flüchtlinge aus nicht EU-Staaten, die Krieg, Not und Elend in ihrer Heimat entkommen konnten. Genau diesen Menschen möchte Blonnerau mit einem offenen und wegweisenden Willkommensprogramm begegnen. Und, anders als es sich bisher in Deutschland durchsetzen konnte: die alteingesessene Bevölkerung wird in das Projekt voll mit eingebunden, soll partizipieren und auch profitieren. Wir wollen zeigen, dass Menschlichkeit zuallererst ein Gewinn für alle ist. Weniger aus wirtschaftlicher Sicht, sondern als Gesamteindruck.


Das klingt sehr nach heile Welt und einer großen Pflicht zu Uneigennutz. Ihr Ort liegt in einer strukturschwachen Region. Wie wollen Sie verhindern, dass die Stimmung kippt und das Projekt floppt oder sogar komplett nach hinten losgeht?

Wissen Sie, ich bin kein naiver Romantiker. Wir haben das Projekt breit aufgezogen. Vereine, Bürgerinitiativen und Vertreter aus Wirtschaft und Politik haben einen Stadtbeirat nur für dieses Thema eingerichtet. Jeder Blonnerauer - auch die Neubewohner - ist eingeladen sich mit einzubringen.
Die hohe Arbeitslosigkeit und die leerstehenden Immobilien und und vielen Brachflächen maximieren die Chancen durch Zuwanderung sogar. Wir haben Platz und Kapazität. Die Unterbringung, Versorgung, Bildung und Unterstützung der Flüchtlinge erfordert viel Zeitaufwand, der nur durch Menschen geleistet werden kann. Die Förderung aus Bund und Ländern sind hierfür gutangelegtes Geld. Der Zuzug dutzender Flüchtlinge in diese Region muss für alle Beteiligten fair gestaltet werden.


Schön und gut, aber nicht selten wird so eine Veränderung als “Überfremdung” und Beschneidung der eigenen Kultur wahrgenommen. Ablehnung oder gar Übergriffe sind in vielen Regionen bittere Realität.

Hierzu kann ich nur grundsätzlich antworten. Eine Gesellschaft darf keiner Ebene von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit irgendeinen Platz einräumen. Rassisten müssen umdenken, dazu lernen, sich ändern. Sie sind das einzige Problem. Ich werde jedenfalls nicht zulassen, dass man in Blonnerau in vorauseilendem Gehorsam vor möglichem Rassismus einknickt. Unser Projekt möchte vor allem auf positive Anreize, Austausch und Kennenlernen setzen. Miteinander können wir viel mehr bewegen.
Salopp gesagt, wird hier natürlich keine Mehrheit auf den Straßen stehen und schreien “Geil endlich Zuwanderung”, aber machen wir uns nichts vor, die prekären Zustände hier herrschen schon lange - ganz ohne Zuwanderung.


Rational haben Sie Recht. Leider wird die Stimmung oft auch von außen angefacht. Dann bleibt vom Wandel nur Chaos.

Richtig. Ich bin für fünf Jahre im Amt. Für diese Zeit habe ich mir eine große Aufgabe gestellt. Daran möchte ich mich messen lassen und auf dem Weg, so viele Menschen, wie möglich, einbinden und zu ihren individuellen Vorteilen verhelfen. Wenn zur nächsten Legislaturperiode kein Rückhalt mehr für mich vorhanden ist, muss ich die Konsequenzen tragen und überlasse anderen Menschen das Feld. Aber ich will es wenigstens versucht haben und die Entwicklungen machen mir Mut. Im Übrigen, das nur erwähnt, bliebe ich auch nach einem Abschied vom Bürgermeisteramt vor Ort aktiv. Insbesondere bei den hier dargestellten Themenfeldern. Ich glaube daran.


Ok. Aber was erhoffen Sie sich konkret von Ihrem Vorstoß, außer wohlwollender Presse aus dem urbanen Raum?

Hierzu möchte ich Folgendes voranstellen. Das Leid in vielen Regionen weltweit vertreibt Millionen Menschen aus ihrer Heimat. Es ist pietätslos hier zuerst die Chancen für Deutschland zu sehen, diese aber zu negieren ist haltlos.
Diese Region blutet seit Jahrzehnten aus - sinkende Einwohnerzahlen. Die komplette Generation im besten Alter ist ihren Jobs und Perspektiven hinterhergezogen. Man nennt das neudeutsch wohl Braindrain. Als Resultat haben wir verwaiste Innenstädte, Leerstand, Ruinen und ein nicht vorhandenes kulturelles Leben. Es gibt hier keinerlei Nahversorgung mehr, nur noch ein Gasthaus, dass sich mehr schlecht als recht über Wasser hält.


Das ist der Status quo. Nochmal die Frage, was erhoffen Sie sich?

Nicht weniger als eine Trendwende. Menschen, die ihre Heimat aufgeben, weil es dort Null Perspektive mehr gibt, können hier vielleicht eine finden. Genau diese Athmosphäre wollen wir bieten. Chancen für einen Neubeginn in der Fremde. Lücken in der Gesellschaft mit frischer Energie füllen. Es gibt für unsere Region soviele Fördermöglichkeiten, die von den vorhandenen Bewohnern nicht abgefordert werden. Dafür gibt es viele Gründe. Einer ist sicher jahrelange Unsicherheit. Seit die letzten großen Werke hier schlossen, gibt es vor allem Existenzangst. Ein denkbar schlechter Nährboden für Existenzgründungen. Unser Programm zielt explizit darauf ab jungen Zuwanderern volle Unterstützung zu kommen zu lassen, wenn Sie Gründungen wagen möchten. Und vielleicht färbt das ja ab oder schafft zumindest mal wieder Arbeitsplätze vor Ort.


Zuwanderung soll Ihre Strukturprobleme lösen?

Nein. Das ist kein fingergeschnipptes Wünsch dir was und wird einige Hindernisse mit sich bringen. Aber mal klein gedacht. Selbst ein Schnellimbiss mit fremden Spezialitäten wäre schon ein Gewinn für unsere Heimat. Und dabei wird es ganz sicher nicht bleiben.


Gut. Flüchtlinge aber haben einen rechtlichen Status, der diesen Wünschen entgegenspricht. Da wird kaum ein wirtschaftlicher Impuls zu erwarten sein.

Nicht morgen, das ist richtig. Aber wie Sie bemerkt haben, geht es uns nicht um eine temporäre Notunterbringung ohne weiteren Support. Wir wollen auch diesen Menschen zu einem unbefristeten Aufenthalt und Rechtezuwächsen verhelfen. Dazu gibt es pro Flüchtling zwei ehrenamtliche, aber bezahlte Paten vor Ort, die bei allen Hürden der Integration zur Seite stehen.
Und wie vorhin erwähnt, hat unser bewusstes Werben um ein mehr an zugewiesenen Flüchtlingen auch ein Ziel. Die dafür notwendigen und bereitgestellten Gelder fließen direkt in ein kommunales gemeinnütziges Unternehmen, welches alle Aufgaben erledigt. Anstatt diese Leistungen bei Privatunternehmen teuer einzukaufen, werden wir vor Ort sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze schaffen.


Fast wäre ich versucht, Sie einen Träumer zu nennen. Das klingt zu schön um wahr zu sein.

Naja, es wird uns nicht auf dem Silbertablett serviert. Schon jetzt steckt viel Arbeit in der Vorbereitung. Übrigens von über hundert verschiedenen Menschen hier in Blonnerau größtenteils unentgeltlich geleistet. Auch dies sorgt dafür, dass das Projekt schon jetzt viele Fürsprecher hat.


Jetzt träumen Sie mal laut, bitte.

Das muss ich nicht. Wir planen sowieso noch viel Verrückteres. Aktuell machen wir gerade eine Bestandsaufnahme zu Leerstand und Brachflächen. Die meisten Flurstücke gehören ja nicht der Gemeinde, sondern befinden sich in Privatbesitz. Das wollen wir bündeln, für einen großen Schritt. Die Zuwanderer und später auch die Flüchtlinge mit unbefristetem Aufenthalt bekommen ein Starterkit. Dieses beinhaltet im Grundbuch eingetragenes Wohneigentum und pachtfreie landwirtschaftliche Nutzfläche zur Selbstnutzung außerdem ein Willkommensgeld in Höhe von 1.000 Euro. Dies ist mit der Verpflichtung verknüpft mindestens zehn Jahre vor Ort zu bleiben.


Das wird eine Neiddebatte auslösen.

Die wir bewusst aushebeln. Es geht uns auch darum die Allmende wieder zu stärken. Gemeindegrund für alle Blonnerauer. Wir wollen sehen und unterstützen, was passiert, wenn Plätze und Flächen frei nutzbar werden.
Aber nochmal zur Neiddebatte. Die meisten Anwohner hier bewohnen Eigentum. Der Verkauf hat sich nie gelohnt, da dir Preise stets fielen. Ich bin kein Hellseher, aber Impulse, wie eben beschrieben, müssen das Gegenteil bewirken. Auch weil der Leerstand frisch sanierten Wohn- und Gewerbegebäuden weicht. Unsere Makler vor Ort sind zumindest im höchsten Maße kooperativ und erfreut, ebenso die meisten Anwohner, die wir hierzu befragten.


Eine klassische Frage zum Abschluss. Wo sehen Sie Blonnerau in zehn Jahren?

Da will ich kein Luftschloss bauen. Ganz pragmatisch erhoffe ich mir einen ausgewogenen Generationenmix und stabile bis leicht steigende Einwohnerzahlen. Dazu sinkende Arbeitslosigkeit und durch die Verschachtelung der Projektstufen ein freundliches Miteinander. Die Sahnehaube wären ein Hausarzt und ein Restaurant mit südeuropäischen Spezialitäten. Ich esse doch so gern.


Per Vilstegen, wir danken Ihnen für das Interview und wünschen Blonnerau eine erfolgreiche Zukunft.

(Leider ist dieses Interview rein fiktiv und konnte in Deutschland so noch nie geführt werden. Es soll zum Neudenken anregen.)

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Ich bin kein Rassist, aber…

…da schlummert doch was.

Und Ja, tief in mir selbst. Aktuell und immer wieder erlebe ich sehr offensive Verteidigungsstrategien, wenn auch nur der sanfteste Vorwurf von Rassismus im Raum steht. Otto Normal Kartoffel erinnert sich an seine Teilnahme an einer Lichterkette in den 90ern, den zugehörigen Button gegen Fremdenfeindlichkeit und seine vielzitierten Freunde mit multiethnischen Hintergründen und will auf keinen Fall in einen Sack mit kahlrasierten Neandertalern gesteckt werden…

…tief in mir

Und doch bin auch ich nicht davor gefeit, Anflüge von Rassismus durch zu machen. Niemand kann allen Ernstes Gegenteiliges von sich behaupten, nicht mal (und Tests in den jeweiligen Gruppen haben das erschreckend unterstrichen) Betroffene selbst. Ich bin kein Fascho oder Menschenfeind - die rassistischen Zuckungen schlummern viel subtiler in mir. Sie haben tausende Auslöser und “Gründe”. Sozialisation, (fehlende) Erfahrungswerte, Ängstlichkeit, Unwissen und unbewusst Angelerntes. Hey, ich bin Kind der 70er und 80er, da waren abstruse Dinge Normalität und schlichen sich in die dunklen Felder meines Hirns.

…und es zuckt

Ich habe das Glück im (manchmal) progressiven und weltoffenen Hamburg aufgewachsen zu sein und habe dort in eher privilegierten Verhältnissen das Gymnasium besucht. Meine Erfahrung mit Gewalt, war Gewalt gegen mich. Und die Täter waren nicht blond und blauäugig. Beide Male als ich wirklich auf’s Maul bekam, würde ich mich als maximal unschuldig bezeichnen. Ich geriet eben zufällig zu nah in den Radius einer Macker-Gruppe. Im einen Fall - der auch vor Gericht landete - war der Haupttäter Deutsch-Türke. Und so bin ich Rassist, ohne einer sein zu wollen. Ich fühle mich unwohl, wenn ich nachts in der Bahn sitze und eine laute Gruppe Macker sich in meine Nähe setzt. Und zwar umso unwohler, je mehr mich die Optik und Sprechweise an damals erinnert. Komischerweise ist das Gegenteil der Fall, wenn die laute Gruppe Schwarz ist (dazu weiter unten mehr).

…es soll nicht aufwachen

Ich habe das Glück, wie oben geschildert aufgewachsen zu sein. Ich weiß tausende Orte, wo ich dieselbe Gewalt in blond und blauäugig hätte erleben können. Trotzdem fühle ich mich in der einen Situation unwohler und es ärgert mich. Wo ich aufwuchs, gab es auch Ecken, wo eher Armut (oder zumindest kein Wohlstand) herrschte. Klassischerweise werden dort allzu oft Familien mit Migrationshintergrund untergebracht. Migrationshintergrund ist in Deutschland leider immer noch oft gleichbedeutend mit (Privilegien-)Armut. In meiner nächsten Umgebung, gab es also durchaus Konfliktpotential und meinerseits auch unangenehme Konfrontationen. Und natürlich waren an meiner Schule, unter meinen Freunden und drumherum auch jede Menge Menschen mit Migrationshintergrund, aber ohne jegliche Konflikte (ganz im Gegenteil, die besten Abschlüsse gingen nicht an blond und blauäugig).

…und sich wieder hinlegen

Und doch bekomme ich regelmäßig Bewerbungen für Praktika oder Jobs mit türkisch anmutenden Namen. Und ich erwische mich dabei, wie in mir Skepsis erwacht, Vorurteile zucken und ich mir eine Zehntelsekunde lang ein Bild bastel, welches bei Otto Normal Kartoffel nie aufflackern würde, außer er heißt “Kevin” (dazu später mehr).

…für immer

Ich sitze also in der Bahn und eine Männergruppe Schwarzer steigt ein und ich fühle mich nicht so unwohl. Ich war früher andauernd auf Reggae- und Hiphop-Parties, ich war auf Jamaica und Tobago. Dort war ich weiß und Randgruppe. Ich stieß nicht auf Ablehnung und hatte zeitgleich viel Spaß, auch mit den Menschen vor Ort. Die waren alle(™) so locker, easy und entspannt. Die(™) werden mir in der Bahn nichts tun, weil…
…ja warum eigentlich nicht? Weil ich diesmal einem Positiv-Rassismus erlegen bin, weil ich Einzelerfahrungen auf eine größere Gruppe übertrage. Ich hatte immer ein Faible für Musik, Film und politische Aktivität von Schwarzen, insbesondere in den USA. Meine 14 Punkte in der Abi-Prüfung in Gemeinschaftskunde gingen genau darum. Als Teenie empfand ich sehr viel Bewunderung für alles, was irgendwie mit Schwarz zu tun hatte: Hiphop, Basketball, Reggae, Tanz, Optik etc. Ich war regelrecht neidisch auf die Haare, den Körperbau, die Haut… und ich war Rassist. Ich schmiss Millionen Menschen in einen Topf, reduzierte sie auf ein paar Facetten, die Einzelne vorlebten. Ich schloss von einigen auf alle (und tue es unbewusst immer mal wieder). Das macht mich nicht zum verbohrten gewalttätigen Rassisten, aber es sind rassistische Tendenzen (selbst die gutgemeinten Aspekte davon).

…und zwar nicht in mir

Kevin ist genau so ein Klischee, eine Schublade ohne Respekt. Und ich danke demjenigen, der mir sehr höflich klargemacht hat, dass Pointen über Jaqueline oder Kevin dummdreister Bockmist sind. Hinter den Namen stehen Individuen und ich kann nie wissen, warum jemand den Namen trägt und selbst wenn, ist es respektlos dafür irgendein Urteil zu fällen. Jetzt weiß ich, ein sehr besonderer Mensch heißt Kevin und er sprengt all diese Schubladen.

…und nirgendwo sonst, ausser im Geschichtsbuch

Wenn der Vorwurf “Rassismus” im Raum steht, macht nicht dicht. Verzichtet auf Defensive (noch mehr auf Offensive). Hört einfach zu und versucht zu verstehen. Niemand (das richtet sich explizit an die Menschen mit existenter Restempathie) wirft euch vor ein menschenverachtender Nazi zu sein, wenn ein Aspekt eures Handelns benannt wird, der rassistisch ist (oder wirken kann). Mensch kann, darf und muss diesbezüglich dazu lernen und sich in Selbstreflektion üben. Und ich hab extrem fruchtbare Gespräche mit Menschen geführt, nachdem ich auf den Pott gesetzt wurde. Meistens wünscht sich das Gegenüber ja eben diesen gedanklichen Fortschritt. Und wenn nicht, dann ist das eben so. Wer verletzt muss akzeptieren im Zweifel nicht weiter gehört zu werden. Die von euch so empfundene Unfairness, ist wahrscheinlich nur Müdigkeit, weil es eben nicht das erste und ganz sicher nicht das letzte Mal so passierte.

Du bist kein Rassist, ABER reflektiere dich und weise ihn immer wieder in die Schranken, wenn er kurz erwacht.

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Filzschuh mit autoritaetsverachtender Musik

Es gibt seit einigen Tagen dieses social Web. Tausend Dienste, die sich auf Milliarden Menschen stürzen. Alles in der Hoffnung ein zwei Dollar, mit deren Interaktion und Inhalterschaffung zu generieren. Mir als plumper Anwenderseele gefällt vor allem die interessens- und meinungsgeschuldete Zueinanderfindung spannender Individuen. Man liest sich. Was so banal klingt, ist so viel mehr. Es ist ein Mitverfolgen der Entwicklungen des Gegenübers, mit dem man nur selten die Schulbank drückte und die wiederkehrende gegenseitige Reflektion und Rückversicherung über prinzipielle Grundwerde oder auch streitbare Terrains.

Man nennt es abgedroschen “Filterbubble” und doch ist es ein digitaler Habitat. Ich bin durchaus in der Lage Sympathie oder Gegenteiliges für die jeweiligen Aussagelieferanten zu empfinden, von denen ich oft kaum mehr als einen “lustigen” Avatar mit passendem Nick kenne…wohl aber - aus Versehen - ganz viel von tief innen drinnen. Das was Menschen aufrichtig bewegt und umtreibt, kippen sie mehr oder minder in digitale Katalysatoren und machen sich nahbar, trotz physikalischer Distanz. Manche dieser immer weniger “Unbekannten” begleiten mich nun seit mehreren Jahren, ohne jemals ein in Fleisch gehülltes Lächeln oder Zornfalten gesehen zu haben oder auch nur eine grobe Ahnung der Gesichtzüge zu haben…

…und dann steht da ein verschmitzter junger Kerl, der laut Perso sicher schon weiß wie man “Vierzig” schreibt und grinst einen graumeliert an. Freundliche Augen verfolgen zunächst ein Gespräch, bei der Augeninhaber zunächst am Rand sitzt - wohlwissend, dass er diese Unterhaltung überhaupt erst eingetütet hat. Doch irgendwann kommt die direkte Kommunikation. Befremden und vorsichtiges Herangetaste sonstiger “Erstkontakte” haben sich längst absentiert und stehen prostend an der Bar. Man kennt sich; wenngleich nur digital; man kennt sich. Die plumpe Smalltalkerei erübrigt sich, man hat die Vertrautheit durchzechter oder hitzig diskutierter oder hart geflachster Nächte im Gepäck. Auch morgendliche Schulterklopfer erinnert man unterbewusst, obgleich oft asynchron und/oder ohne bewusste Wahrnemung des Gegenübers. Man kennt sich. Und doch freut man sich, nicht die Enttäuschung mancher Blinddates zu vollziehen. Schließlich geht es auch um die Überprüfung langerprobter Menschenkenntnis…

…Prüfung bestanden… @Pantoffelpunk ist ein Guter. Einer, den man wohl auch in kohlenstofflicher Erstkontaktung nice gefunden und in ein erbauliches Gespräch verwickelt hätte. Internet…Du bist ein guter Ding, KTHX for making this stuff possible. Next time different @Nick … another Story.

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Vorstand im LVHH 12/13

Welche Herausforderungen stehen an?

Hamburg steht vor der Aufgabe sich für die kommenden Jahre personell und programmatisch gut aufzustellen. Wir wollen bei den anstehenden Wahlen auf Bundes-, Bezirks-, Europa- und Bürgerschaftswahl erfolgreich die Fünfprozenthürde knacken und auf Landes- und Bezirksebene über handlungsfähige Gliederungen verfügen. Das bedeutet im schüchternen Erfolgsfall das wir bis 2015 die Manpower brauchen, um knapp 30 Abgeordnete in die jeweiligen Parlamente zu senden und parallel ca. 25 Vorständler in Landes- und Bezirksverbänden. Dazu müssen alle Ebenen noch über einen Aktivenkern für Parteipolitik neben dem Tagesgeschäft verfügen. Nicht zu vergessen, der Bedarf an kompetenten und vertrauten Mitarbeitern für die Fraktionen. Wir werden uns eher mit Ämtern und Mandaten zuschmeißen, als uns noch um sie zu streiten. Wir benötigen Zuwachs - an Inhalt und Mitstreitern.

Wie bewältigen wir das?

Die Stärkung einer Kultur des Miteinanders, des Motivierens und sanften Anschubsens wirkt anstiftend. Zulassen und Moderieren, für mehr Verantwortung und weniger Führung, eben funktionierende Strukturen und Prozesse bei zeitgleicher Wiedererstarkung des piratigen Mandats. Es braucht eine Kultur, die die Menschen bei ihren Fähigkeiten packt, sie ermutigt und auch ruhigere Menschen zu Wort kommen lässt. Mitmachpartei bedeutet vor allem Barrierefreiheit, das Anerkennen von Leistungen (aber eben auch der subjektiven Leistungsfähigkeiten) und konstruktive Kritik. Die innerparteiliche Meinungsbildung ist der Schlüssel auch neue Mitglieder wirklich fit in unserem stetig wachsenden Programm und bewährten Arbeitsweisen zu machen. Empowerment bedeutet mehr als die Schulung in Tools, es geht auch um Empathie und Vertrauensbildung.

Welche Rolle spielt der Vorstand?

Ich wünsche mir einen Gesamtvorstand, der die obengenannte Kultur vorlebt und idealerweise harmonisch, in jedem Fall aber sachlich-konstruktiv zusammenarbeitet. Er ist so zusammengesetzt, dass sich die Heterogenität des Landesverbandes darin wiederspiegelt - Altpiraten, 2009er und Frischpiraten - Theoretiker und Praktiker. Er arbeitet vorstandsintern und innerparteilich mit flachen Hierarchien und bindet die Aktiven auffordernd mit ein. Delegationen und Servicegruppen sorgen für schnelles Handeln und Arbeitsentlastung. Großes Augenmerk gilt der Inklusion von Neumitgliedern, der Motivation von Aktiven und der Reanimation von abwesenderen Altpiraten. Es gilt, das Spielfeld zu pflegen und die Strukturen auszubauen. Effizienzsteigerung durch definierte Abläufe und projektbezogene Stellenausschreibungen, damit jeder Pirat, seinen Fähigkeiten entsprechend mitarbeiten kann und will. 

Wir kann er zusammenarbeiten?

Die Geschäftsverteilung braucht zu den bisher eher stichwortartig benannten Aufgaben, regelmäßig zu definierende Zielvorgaben und entsprechende Verantwortliche, die die Umsetzung betreuen. Starke Untergliederungen sind wichtig. Doch damit der Landesverband nicht ausfranst sind quartalsmäßige gemeinsame Sitzungen aller Vorstände und interessierter Aktiver in den Bezirken hilfreich. Monatliche ordentliche Vorstandssitzungen mit vorabverkündetem Inhalt lassen sich langfristig terminieren. Sollte ich gewählt werden rege ich an, dass auf der konstituierenden Sitzung eine mehrstündige Klausurtagung beschlossen wird. Dort können sich die Beteiligten richtig kennenlernen, ihre Arbeitsweise und Rollenverteilung diskutieren und sich in den erforderlichen Tools schulen. Ein Fokus dabei sollte auf der Arbeitsentlastung und Beauftragung bzw Stellenausschreibung liegen. Ein Vorstand, der als gehobenes Sekretariat agiert, ist Ressourcenverschwendung.

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Quote und so

Disclaimer: Dieser Post schreibt am Eichhörnchen vorbei und legt seinen Fokus auf die “weiblichmännlichen” Aspekte der Piratenpartei. Und er ist aus der Hüfte…und maßt sich nicht an, das Patentrezept hervorzuzaubern.

Wieder eine Listenaufstellung, wieder kaum kandidierende Frauen, die wiederum auf wenig prominenten Plätzen landen, wieder aufgeregte schwarzweiß Diskussion. Unsere Gesellschaft ist bunter, als unsere Partei es ist, offensichtlichst wirken wir auf gewisse Menschen nach wie vor abschreckend genug, sich nicht aktiv einzubringen. Während die Wählerklientel immer bunter wird, zieht die Zusammensetzung der (aktiven) Parteimitglieder nur sehr langsam nach. Geht es um “wichtige” Ämter und Posten gibt es IMHO vier Phänomene:

1. Die Wahl eines sich zur Wahl stellenden Frauentyps, den man(n) guten Gewissens als Alibi (mit-)wählt und neben/über sich ertragen kann und dabei Erleichterung verspürt.

2. Verteidigte Pfründe und kollektive Kompetenzunterstellung reputierter männlicher Bewerber.

3. Faire Wahlchance.

4. Die Regel bestätigende Ausnahmen.

Den vierten Punkt ignoriere ich, weil er keinerlei Systematik oder Problematik darstellen dürfte. Der dritte Punkt ist in den meisten Gliederungen eher selten anzutreffen und auch nicht zwingend von Dauer. Die ersten beiden Punkte unterscheiden sich höchstens in der Bewertung der Kandidatin. Könnte sie gefährlich sein/werden (z.B. durch zu selbstbewusstes Auftreten) oder die Unterschätzung, als ein zu harmonisches, passables und dekoratives Wesen.

Ich behaupte, Marina erfüllte den letzten Fall (zu ihrer Wahl) und hat im Laufe ihrer Amtszeit für so manch männliche weiche Knie gesorgt. Man spürte das kollektive Aufatmen, als sie eine weitere Amtszeit erstmal ausschloss und doch droht das Ungemach, sollte sie die Rückkehr wagen. ABER, sie hat IMHO den Sprung zu 3. oder 4. wohl geschafft.

Es sind die ersten beiden Punkte, die mir Bauchschmerzen bereiten. Sie nötigen Bewerberinnen dazu, sich an weit mehr Attributen messen lassen zu müssen, als ihre männlichen Bewerber. Optik z.B. dürfte bei den meisten Herren, die auf der Bühne stehen, ein sehr nachrangiges Kriterium sein. 

Zugewiesen weibliche Verhaltensformen, wie Harmonie, Besonnenheit, Bescheidenheit, Ruhe und Ausgleich sorgen für wenig schillernde Outer Appearance, während manch Macker sich zu jedem Kunstfurz beglückwünschen lässt. Andersherum schadet eine Frau sich selbst, je mehr als männlich erachtete Umgangsformen sie pflegt - sie (ver-)schüchtert und muss Böses im Schilde führen. Eigentlich unterscheiden sich die Punkte 1. und 2. nur in ihrem Moment, der ersten Wahrnehmung der Frauen und dem Zeitpunkt, bei dem sie aus dem Spiel ausscheiden.

Eine Quote (in demokratischen Gruppierungen) heilt diese Situation jedoch nur oberflächlich. Ursache und Wirkung liegen zu weit auseinander, als dass männliche Minderwertigkeitskomplexe und weibliche Feindbilder sich durch diese Maßnahme auflösen können. Ich halte sie auch nicht mehr für eine zielführende Brückentechnologie. Das war sie bei den Grünen und könnte sie kurzfristig in der Wirtschaft sein. Für die Piraten taugt sie nicht. Allein die Vorstellung, dass in einem provinziellen Kreisverband mit 30 Akkreditierten, eine Frau per Quote aus dem Hut gezaubert wird und ihre gesamte Amtszeit im Gegenwind verbringen muss, lässt mich Schaudern. Über diese Leichen möchte ich nicht gehen.

Es ist Kultur, die Veränderung vollbringt. Es sind soziale Regelungen, die sich eine Gruppe gibt. Wir müssen einen Kommunikationsstil entwickeln, der Lautes im Rauschen verblassen lässt oder bestenfalls ausfadet und Leises hervorhebt. Die Gruppe muss gemeinsam Raum schaffen und Interesse daran zeigen, was ruhigere Menschen mitzuteilen haben, deren Ellenbogenmentalität unausgeprägt ist. Und es liegt an der Gruppe, Störverhalten anzuprangern und gemeinsam Fairplay vorzuleben. Der Druck muss vom Kessel. Wenn Zuhören im Vordergrund steht und echtes Interesse am Inhalt des Gesagten, wird sich das Gegenüber nochmal und nochmal trauen sich mitzuteilen, daran wachsen, Verantwortung weniger scheuen. Andersherum braucht es das Selbstverständnis, dass Delegieren und Aufgabenteilung keinerlei Gefährdung darstellt, sondern sogar effienzsteigernd ist. Es geht um Plattformneutralität und um Empowerment und nicht um simulierte Flauschwölkchen.

In kleineren Runden beginnt es. Gemeinsame Rederegeln und wechselnde konsequente Moderation sorgen für eine Nivellierung der Gesprächsanteile. Das Alphatier kann dann nur scheitern, die Hierarchie verflacht, während das kollektive Selbstbewusstsein wächst und das Gegenüber weniger als Mitbewerber, denn als Teampartner erkannt wird. Kollektives Selbstbewusstsein und immer selbstverständlicheres Fairplay, sorgen für eine Athmosphäre, in der auch sensiblere Menschen gern erneut zu einer Runde dazu stoßen und Alphas erstmals den entspannten Moment von Grundvertrauen erleben. Das mag hippieesk klingen, doch selbst unterschiedliche Meinungen oder gar fehlende Sympathie lassen sich in sachliche Zusammenarbeit oder zumindest konstruktive Kritik umlenken. Dazu muss das Kollektiv bei Störfeuer gemeinsam intervenieren. Das geht und hilft den angstbeißenden Männern am allermeisten über ihren Schatten (den sie haben) zu springen.

Man gebe einem System die nötige Zeit zu erwachsen und Veränderungen umzusetzen, aber man fordere sie immer wieder ein und lebe es vor. Eine Quote greift hierfür leider immer zu kurz und bliebe höchstens ein Alibi.

Ich möchte anmerken, dass ich den Landerverband Hamburg diesbezüglich schon weiter vorne sehe, wenngleich noch immer genug Luft nach oben herrscht. 

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GEMAstoppen

Ich mag Musik. Ich bewundere Musiker. Ich konsumiere Werke. Ich gönne Künstlern ein lebenswertes Auskommen und Erfolge. Ich neide auch kreativen Großverdienern Nichts. Ich halte Verwertungsgesellschaften an sich für sinnvolle Instrumente, Interessen der Künstler zu vertreten und diese bei der Verwertung ihrer Werke zu supporten.

Meiner Meinung nach wird die GEMA diesem Anspruch weder aus Künstler- noch aus Konsumentensicht gerecht. Die GEMA ist aus vielen Gründen zu kritisieren. Ich kritisiere Monopolstellungen generell, insbesondere wenn diese mit staatlicher bzw gesetzlicher Unterstützung manifestiert werden. Es braucht Alternativen auf Augenhöhe und einen realen Wettbewerb. 

Die Gemavermutung ist eine Beleidigung für einen Rechtsstaat. Die Ver-/Be-Hinderung privater Nutzung von Werken im Internet widerspricht dem eigentlichen Künstlerinteresse von Reichweite und Verwertbarkeit. Der Verteilungsschlüssel ist kulturfeindlich und belohnt gefällige Künstler, während das Gros der Künstler jenseits geldwerter Chartplatzierung mit Kleingeld abgespeist wird. Die Erhebung von Entgelten bei kommerzieller Werksnutzung war und ist willkürlich und durch ein viel zu grobes Raster geregelt. 

Die aktuelle Gematarifreform ist aus verschiedenen Perspektiven angreifbar und eine weitere Fehlentwicklung der GEMA-Politik. Sie ist aber nur ein einzelner Aspekt eines undemokratischen und fehlgeleiteten Konstrukts.

Mein Protest gegen die GEMA ist weniger allein gegen die Tarifreform gerichtet, als eine Forderung nach einer Komplettreform und Demokratisierung der GEMA, auch mit politischen Mitteln. Ich wünsche mir Konkurrenz zum Modell GEMA und Künstler, die gemeinsam mit Nutzern ihre Ansprüche an Verwertungsgesellschaften formulieren. Ich wünsche mir die Emanzipation der Betroffenen und ein Modell, welches transparent und gerecht den Fokus auf das Auskommen für den Großteil der Künstler legt. Es braucht eine Umverteilung, die unsere kulturelle Landschaft bereichert, anstatt wenige Superstars massiv zu bevorteilen.

Und deswegen bedaure ich, dass die aktuellen Proteste so einseitig interessensgelenkt sind. GEMA(Tarifreform)stoppen ist mir zu wenig:

GEMAindieSchrankenweisenundKonkurrenzschaffenunddabeiKünstlerundKonsumentenbefriedigen und zwar in einem breitaufgestellten Bündnis - JA BITTE!

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Gnarf4

Nun da sich der “piratige” Ruhepuls beim Entspannungswert over9000 angesiedelt hat und der Moralinsäurepegelstand durch den Betriebsklimawandel einen neuen Höchstand erklomm, schreibe ich mal etwas mit Bezug zur politischen Geschäftsführerschaft.

Alle Welt hat nun ihre Meinung zu Ponaders Sandalen gebildet, also mache ich etwas piratenuntypisches und versuche das mit der unaufgeregten Konstruktivität. 

Im Programm unserer Partei findet sich einerseits Kritik am bisherigen Umgang mit der Hartz4 genannten Transferleistung, sowie ein mehr oder minder verklausuliertes Gutfinden des BGE oder in weicher Anlehnung an das Grundgesetz, der ältere Resetantrag. Das ist soweit knorke, wie bekannt. Ebenso bekannt ist des Ponaders Begeisterung für dieses Thema und seine Lebensumstände unsteter Einkünfte und der daraus resultierenden Herausforderung, den Lebensunterhalt trotzdem würdig gestalten zu können - bekannt schon vor seiner Wahl.

Kaum ein Pirat konnte zuletzt, die Johannes zugewandte Medienaufmerksamkeit ignorieren und auch er selbst bemühte sich nicht wirklich im Schatten zu verweilen, sondern betrieb weiter das erwartbare Agendasetting (wertfrei gemeint) pro BGE. Die Eskalation, medial befeuert und von amtlicher Seite überreizt, sorgte für viel Reichweite und Diskussionen von sachlich, bis Kloake. Im Resultat wandte sich unser polGF vom Amt ab und lancierte (ließ Lancierung zu) eine Art Privat-BGE (wobei BGE eher nicht die richtige Beschreibung ist) - ein spendenbasierter Lebensunterhalt, mit Gegenfinanzierungsabsicht und Partei-Rückspende-Zusage, bei ausreichend selbstgeneriertem Einkommen. Soweit so strittig, kommt jetzt die Konstruktivität:

Johannes Ponader steht Kraft seines Amtes logischerweise stärker im Rampenlicht, als manch anderer und setzt sich bei Überschreitung bzw Verletzung von Parteizielen oder Opportunität dem Risiko von Kritik bis Shitstorm aus. Es ist sicher nicht so, dass diese Aktion nicht ausreichend von allen Seiten befeuert wurde. Und doch glaube ich, hätte es einen Königsweg geben können, den man noch immer beschreiten könnte.

Die Agenda2012 hat zu kritisierende Zustände bewirkt, die von den Piraten zu Recht bemängelt werden. Der private Leidensdruck von Johannes wurde, ebenso wie die generelle Hartz4-Politik kritisiert und in Frage gestellt. Insbesondere der Vorgang, dass ein Amt ehrenamtliches Engagement eines Leistungsempfängers derart in Frage stellt, obgleich derjenige nichtmal fortwährend Bezüge genießt und formal korrekt agierte, sorgte für gefühlte mehrheitliche Rückendeckung, auch über die Piratenpartei hinaus. Erste Kritik kam auf, als dem Amt “gekündigt” wurde, weil eben diese Option nicht jedem vergönnt ist. Sie wurde umso stärker, als öffentlichkeitswirksam ein Spenden-BGE lanciert wurde. 

Viel effektiver und politischer hätte ich die Schaffung eines Präzedenzfalls gefunden. Mit Rückendeckung der offensichtlichen Spendenbereitschaft, wäre richterliche Klärung des Sachverhalts und Offenlegung der Fehler des Hartz4-Prinzips mit ausreichend Futter für Kritik möglich gewesen. Man hätte mit anwaltlicher Hilfe herausfinden können, wo das Amt seine Grenze überschritt und wieviel Ehrenamt und soziale/politische Teilhabe einem Leistungsbezieher zusteht und medial auf die prekäre Situation bei temporärern Berufen (auch in den hippen Medien) aufmerksam machen können. Unser Sozialsystem bietet viel Platz für Kritik und Reform, einzig fehlt es den meisten Betroffenen an Rückhalt finanzieller Natur und medialer Aufmerksamkeit. 

Eine private - und öffentlich mitgetragene - Klage einerseits und die Ausreizung der Situation (unter Klage-Risiko von Amts wegen) andererseits, hätte wohl zu weniger Kritik geführt. Die persönliche Belastung von Johannes ist in der aktuellen Situation, wohl auch nicht wirklich kleiner, als im geschilderten Fall, die Rückendeckung wäre aber sichtlich größer. Mehr Blick aufs “große Ganze” und weniger privates “Klein-Klein”, während wir parallel die “bezahlte Vorstände”-Diskussion mit weniger harten Fronten hätten führen können. Wäre im Anschluss an eine juristische Niederlage ein finanzielles Fangnetz (wie aktuell) vorhanden gewesen, wäre der Entrüstungssturm eine laue Sommerbrise geblieben.

Mir persönlich ist es wichtig, dass niemandem politische Teilhabe und Verantwortung verwehrt bleibt, nur weil der finanzielle und zeitliche Backround nicht ideal ist. Das wird niemals komplett gelöst werden, die Annäherung an diese Gerechtigkeit darf immer unser Ziel bleiben. Der mediale Alleingang war hier aber ebenso wenig zielführend, wie die “proaktive Jobsuche” für Johannes. Diese wirkt in höchstem Maß despektierlich und schmeckt nach “Wer arbeiten will, findet auch welche” aus den good old 60ies.

BTW fand ich viele Kritik massiv überhöht und demaskierend, den offenen Brief von den beiden Jupis könnte ich aber - zumindest in Teilen - unterschreiben.

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Religionsfreiheit

Ich beginne mit zuviel Detail: Ich bin unbeschnitten und ich bin froh drüber. Meine Adoleszenz wäre ohne dieses Detail sicher anders verlaufen - ganz subjektiv betrachtet, weniger freudvoll und selbstreflektiv. Das geht an sich niemanden außer mir etwas an und ich dränge mich diesbezüglich selten exhibitionistisch ins Rampenlicht. Ich mag meinen Körper und gestehe jedermann zu, gegenteilig zu empfinden. Dessen Argumente, ob religiös, ästhetisch oder sonstwie begründet hinterfrage ich nicht, sondern akzeptiere sie genauso, wie Tattos, Piercings oder jede andere Art von körperlicher Veränderung.

Ich mag unser Grundgesetz und bin gewillt es zu schützen.  Das gilt auch für den vierten Artikel zur Religionsfreiheit. Wenn eine Religion gewisse Rituale, Traditionen und Tätigkeiten verlangt, steht es jedem Menschen frei sich diesen freiwillig unterzuordnen (selbstverständlich wenn dadurch die Freiheit Dritter nicht gefährdet wird). Ich als Atheist maße mir nicht an zu missionieren oder gläubige Menschen mit meiner Weltsicht zu penetrieren (wünsche mir Selbiges auch umgekehrt). Dort wo Menschen aufgrund ihrer Religion diskriminiert, angegriffen oder sonstwie schlechtergestellt werden zeige ich Zivilcourage und fühle mich und mein Bekenntnis zu Pluralismus und Heterogenität mit angegriffen. Jeder darf glauben, was er/sie/es will.

Per se verlange ich von jeder Religion ein Opt-In-Verfahren. Ich wünsche mir genügend Rückgrat seitens einer Glaubensgemeinschaft und ihrer Institution, dass sie ihre Bekenntnisse und Rituale von Menschen einfordern, die in der Lage sind ihren Willen zu äußern, ohne diese vorher vom kulturellen Ablauf auszuschließen. Familie, Religion und Gesellschaft vermitteln Werte und definieren eine Gemeinschaft und zwar an jedem Ort der Welt auf höchst unterschiedliche Art und Weise. Das ist zunächst begrüßenswert - selbst wenn man anderer Ansicht sein mag. In dem Moment, in dem ein Mensch sich aber für eine andere Weltsicht, Wahrheit, Kultur oder Lebenssituation entscheidet (oder noch nicht entschieden hat), darf dieser nicht in seiner emanzipierten Entfaltung behindert werden. Auch hierzu liefert (nicht nur) unser Grundgesetz achtbare Aussagen.

Tatsächlich bewerte ich persönlich auch eine Taufe als unangemessenen Eingriff in die Rechte eines Menschen, insbesondere dann, wenn die Wiederherstellung mit dem “Originalzustand” mit Aufwand und Kosten verbunden ist oder nach mancher Theorie (Katholizismus) unmöglich bleibt. Eine Beschneidung geht einen entscheidenden Schritt weiter und sorgt für einen irreparablen Eingriff in die die Rechte des Individuums und zwar auch in die Religionsfreiheit. Darüber hinaus ist die Irreparabilität auch eine im Wortsinne, die körperliche Unversehrtheit ist angetastet worden.

Ich bin froh, dass wir es als Gesellschaft überwunden haben, mit jahrzehntehundertetausende alten Ritualen und Traditionen zu argumentieren. Glücklicherweise gestehen wir uns selbst zu, fortwährend zu reflektieren, in Frage zu stellen, neu zu bewerten und Fortschritte zu gewähren. Ich möchte jedenfalls kaum einen Wertekanon und Regelkatalog aus dem 11. Jahrhundert erfüllen müssen. Regeln, Gesetze, Werte, Normen, Rechte und Pflichten haben sich der jeweiligen Gesellschaft anzupassen und tun dies auch (unterm Strich und zuletzt zum Glück meist menschenfreundlich - auch wenn es fiese Ausnahmen gibt). Gern aber dürfen alle Weltbilder (so sie nicht verfassungsfeindlich sind) Angebote schaffen, Menschen erreichen und von sich überzeugen. Ich spreche mich aber gegen jeden Zwang oder Maßnahmen ohne Willensbekundung aus, gerade bei physischen Eingriffen.

Religion darf Zugeständnisse machen. Sie darf warten, bis Menschen sich freiwillig bekennen. Sie darf belohnen, wenn jemand diesen Schritt geht. Nur dann schafft sie den Sprung in die Moderne. Diesen Dialog müssen wir führen, darüber sprechen, wie Artikel 4 GG für alle Beteiligten gleichermaßen umgesetzt werden kann und keine unwiederbringlichen Fakten schafft. Das Ziel soll dabei nicht Religionsfeindlichkeit oder Diskriminierung sein, sondern den Menschen in den Mittelpunkt rücken. Denn nur um ihn geht es hierbei.

Der Richterspruch fusst auf Logik und lässt sich schlüssig begründen. Ein reines Verbot greift allerdings zu kurz. Hilfreich oder aufklärerisch wird die Entscheidung nur, wenn drumherum ein Dialog auf Augenhöhe beginnt und die Intention begreifbar gemacht wird. Die Verdrängung der Praxis in Grauzonen, ins Unprofessionelle oder Illegale sind dem Kindeswohl ebenso wenig zuträglich, wie das aktuelle sichtbare politische Zurückrudern angemessen ist.

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Bringschuld, werte Altpiraten

Jahaa, auch ich realisiere, in verschiedenen Eskalationsstufen der Genervtheit, das merkwürdige Verhalten einiger Mitglieder jüngeren Datums. Mittlerweile haben sich diesbezüglich genug - auch von mir sehr geschätzte - Träger privilegierten Wissens dazu geäußert.

Wir haben parteiinternes Nervpotential und Wissensdefizite, Philosophenstreitigkeiten und sendungsbewusste Schlachtfelder obskurer Partikularinteressen.

Funfacts:

  • Der Status Arschloch ist und war nie eine Generationenfrage.
  • Die Piratenforderung Bildung, Transparenz und Patrizipation gelten nicht exklusiv für die Wissengesellschaft im Generellen, sondern auch parteiintern.
  • Mauern sind seit Herrn Ulbricht, bewiesenermaßen höchst untauglich irgendeinen Schutz zu gewährleisten.
  • Last but not least (und frei nach Ballmer): Developement, Developement, Developement! 

Wir edlen Piraten der ersten Stunde (wo ich nicht zugehöre, obwohl “im Herzen war ich immer…”) und der Welle Zensursula2009 reiten auf hohen Rössern mit unserem Geheimwissen durch die Schlacht. Geheimwissen, nicht weil es versteckt ist, sondern weil wir nicht vergessen dürfen, dass wir es auf tausenden Kanälen, in tausenden Nächten, mit tausenden Kontakten und tausenden Gesprächen erworben haben - insgesamt sogar over9000. Wir sind unendlich “weise” und “früher war alles besser”, aber Hey…kein Grund für Arroganz und ebensowenig für jedwedes Suspensorium für unsere Balls of Steel. Wir führen Gutes im Schilde, unsere Idee ist derart sexy, dass sogar ihr Kondensat eine so große Strahlkraft hat, dass Menschen zu uns stoßen, die noch nicht alles zu 500% begriffen haben…

…und jetzt kommt´s: SHARING IS CARING! Lasst uns bei denen, wo wir Neugierde erkennen, Begeisterung entfachen. Lasst uns aufklären, integrieren, Wissen mehren. Unser Programm ist plausibel, unsere Philosophie verfügt über eine logische Erklärung. Und jetzt, wo wir an Infoständen nicht mehr als Kinderschänder, Spaßpartei oder Nazis bepöbelt werden haben wir auch die nötige Motivation uns nervigen parteiinternen Diskussionen zu stellen und Leute an die Hand zu nehmen, die noch nicht ganz angekommen sind. Dort wo es sich lohnt, die Hand reichen, auch wenn es ermüdend erscheint. Je mehr wir zu Kooperationspartnern und Wissensträgern machen, desto weniger müssen wir uns über “Neulinge” aufregen, umso mehr Mitstreiter haben wir da draußen und bei uns zu Hause. Und wir können das…wir haben unseren Anteil Netzpolitik, Transparenz, Urheberrecht, Bürgerrechte auf die Agenda gesetzt zu haben - wider alle Windmühlen und Verächtlichkeit. Und wir haben mitgeholfen, dass sich der gesellschaftliche Impuls gegen Zensurmaßnahmen, Korruption und Politik1.0 wendet. Dann werden wir wohl neugierige Mitmenschen, die ihren Weg zu uns finden und mehr wissen wollen, derart wappnen können, dass sie uns helfen im Kampf gegen die oben genannten Arschlöcher zu bestehen.

Aus eigener Erfahrung mit einer neu entstehenden Unteruntergliederung der Piraten, mit Bezug aufs Lokalpolitische weiß ich zu berichten:

Die meisten sind lern-, begeisterungs- und abstraktionsfähig genug, den heiligen Gral zu greifen und einen großen Schluck zu nehmen…

WENN! MAN! IHN! REICHT!

PS.: Ich kann den Supaheld, als auch Danielsanforschungstortencarridwen durchaus verstehen und nachvollziehen und teilweise hachend unterschreiben…trotzdem.

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Bundesvorstandesrechtliche Erschließung

Mein Körper widerstand der Versuchung einer Piratengrippe zu erliegen, obwohl ich am Wochenende zwischen knapp 1.500 Parteimitgliedern weilte. Dabei stellte ich mein Immunsystem noch auf eine Belastungsprobe. Diese beinhaltete die Härten “lange Feiernacht” und “geistige Gespräche/Getränke” und anschließender Kurzschlaf auf Betonboden. Offensichtlich bin ich doch noch nicht alt genug, sah ich am nächsten morgen doch fitter aus, als mein vernünftiger (und ohne Abendprogramm ins Bett gefallener) ehemaliger Landesverbandschef @haberflock.

Die gesundheitliche Verfassung rührt sicher auch daher, dass meine seelische Verfassung nach diesem Bundesparteitag nur durch wenig Gram und Unbill (Pflege kulturell wertvollen Vokabulars intended) beeinträchtigt war und ich vielmehr Freude daran hatte mit Menschen zu plaudern, die ich sonst eher nur digital kenne. Dazu fuhr ich heimwärts mit dem Gefühl, dass wir einen wirklich brauchbaren Bundesvorstand zusammengewürfelt haben. Die heterogene Mischung und personelle Auffrischung ist herrlich bunt, so dass ich sogar einige subjektiv so empfundene Wehrmutstropfen ertrage. Und hey, wer nicht kandidiert soll ja nicht meckern.

Vielleicht war dieser Parteitag sogar programmatischer, als man glauben mag. Ab von den längst überfälligen großen symbolischen Gesten gegen Arschlochismus, haben wir personell die Grundlagen geschaffen, den programmatischen Grundton der Partei auf einen Akkord aufzublasen. Das Grundgefühl von Liquid Democracy, dem BGE und basisdemokratischer Transparenz - bei der Partizipation kein Kann- sondern Muss-Feld ist - wirkt stärker herausgeehrt als je zuvor. Mir gefällt das.

Weil dieser Post eh wirr und tendenziell zu lang wird, hänge ich noch eine personell aufgeschlüsselte und subjektiv geprägte Bewertung des neuen Vorstands mit an.

Der Bundesbernd

Bernd kenne ich seit meinen ersten Besuchen in den damaligen Katakomben der Hamburger Piraten - im Waagenbau, einem Club unter der ICE-Trasse. Die Location war Punkrock, Bernd eher der irritierend solide Konterpart. Ich maße mir eine ausgeprägte Menschenkenntnis an, doch er hat es mir sehr knifflig ausgestaltet hinter seine Kulissen zu schauen. Hielt ich ihn zunächst (und immer wieder) für einen grummeligen aber doch verschmitzt grinsenden Kauz, der sich aber sehr bedächtig und konstruktiv seinem schatzmeisternden Tanzbereich widmete. Im Laufe der Zeit fand Bernd immer mehr auf Bundes- weniger auf Landesebene statt, was wohl auch seinem Beruf geschuldet ist.

Das Schatzmeisteramt bei den Piraten ist zum einen (und insbesondere in vergangenen Jahren) höchst unsexy und mitbewerberarm, bietet aber das Potential sich selten die Finger zu verbrennen und doch zu glänzen. Die Standing Ovations für Bernd in Heidenheim sind ein recht exklusives Erlebnis für Vorstandsmitglieder. Nun ist Bernd von einem Amt ins nächste gewandert und dienstältestes Mitglied im Buvo einer Partei, mit noch so wenig Historie.

Erstaunlicherweise blieb Bernd von den meisten Shitstorms verschont. Bis auf die Rücktrittsandrohung am Anfang seiner Amtszeit, als es darum ging möglicherweise eine Ordnungsmaßnahme gegen Aaron König zu verhängen, wirkt er je nach Perspektive “ausgeglichen konsenssuchend” bis “unprofiliert, un(an)greifbar und geräuschlos”. Das wird sich mit dem neuen exponierten Amt zwangsläufig ändern und ich hoffe sehr darauf, keine bösen Überraschungen zu erleben. Sein früh geäußertes Bekenntnis pro BGE sammeln aus meiner Sicht durchaus Pluspunkte. Wenn er mithilft Liquid Democracy weiter zu adeln, umso mehr.

Ich denke Bernd wird einen guten Vorstand abgeben und sinnvoll performen und doch wünsche ich mir, dass wir niemals den Grünen nacheifern. Ich persönlich mag regelmäßige Auswechslung in der ersten Reihe. “Krusten und Routinen” passen nicht wirklich zur Piratenpartei und ihren Ansprüchen. Durchlässigkeit nach oben und personelle Wechsel haben die ersten Parteijahre nicht nur geprägt, sondern die gewünschte Progressivität unterstrichen. Insgeheim hoffe ich, das Bernd das genauso sieht und anerkenne seine geleistete Arbeit und bin gespannt auf das nächste Jahr. Was mir wirklich gefällt, sind sein Hund und diese evolutionäre Frisur.

Der Tirsales

Wir beide hatten schon vor seinem Bundesvorsitz durchaus Reibungspotential. Das ist sicher auch ein wenig Typsache - ab von Oberflächlichkeiten erscheint Sebastian mir das entscheidene Stückchen ZU bieder und ich will ihn gar nichtmal für seine Kurzzeitglanztat in der Tübinger CDU verhaften. Sozialisation und Prägung in der Jugend dürfte bei uns beiden unterschiedlicher kaum sein. So ist er schon immer das gefühlte Gegengewicht zu eher progressiven Landesverbänden und Piraten gewesen. Das hat durchaus seine Berechtigung, schmeckt mir selbst natürlich nicht so sehr.

Bei allen Unterschieden kann man mit Sebastian Nerz aber fair diskutieren - agree to disagree und Argumenteaustausch bilden die Grundlage hierfür. Ich habe durchaus realisiert, dass die ihn umgebene Fettnapfdichte mit der Länge seiner Amtszeit seltener genutzt wurde. Persönliche Meinung, öffentlich kommuniziert wurde immer treffsicherer zurückgenommen oder aber klar als solche deklariert. Geeier im rechtslinks Klischee darf er aber gern noch abtrainieren, mittlerweile ja auch mit einem klaren Votum des BPT121.

Allerallerbeste Freunde und gegenseitige Patenonkel unserer zukünftigen Kinder werden wir wohl nicht sofort, aber das bleibt kein Makel. Beiderseitiger Respekt und Lernkurven sind erstmal voll ausreichend für ein konstruktives Miteinander und ja, ich kann trotz genügend Platz für Kritik durchaus Danke sagen für den geleisteten Arschaufriss in einer Amtszeit, die er sich mit Sicherheit anders vorgestellt hat. Ich gönne ihm in jedem Fall, dass Platz zwei und die Vorstandserweiterung dafür sorgen, dass die Shitstormintensitäten und mediale Verheizung nun nachlassen und die zuletzt merkbare Dünnhäutigkeit wieder durch Gelassenheit ersetzt wird. Irgendwann trinken wir bestimmt auch mal gemeinsam ein Bierchen.

Abschließend erwähne ich dennoch, dass ich mich insgeheim diebisch freue, wenn dieser doch noch sehr junge ehemalige “Parteichef” zwischendurch diskret Gefallen an durchaus progressiven Positionen findet, die ihm noch Monate zuvor in höchstem Maße fragwürdig vorkamen. Politische Willensbildung bleibt auch parteiintern (mich eingeschlossen) nicht aus.

Der Alios

Ich versuche ja eine Menge mitzubekommen bei den Piraten und doch flog Markus eine lange Zeit wirklich tief unter meinem Radar. Ich bekam häufiger Mal sehr kluge Replies auf Twitter und folgte doch sehr spät erst zurück, obwohl es sich wirklich lohnt. Er ist ein wirklich alter Hase, so alt, dass ich mir vorkomme wie ein junger Mitläufer. Und dabei bleibt er so herzlich aufgeräumt und gelassen. Da MUSS sich Ahnung und Kompetenz hinter verbergen.

Interessanterweise konnte ich ihn sofort zuordnen, als er uns mal beim Hamburger Stammtisch besuchte und das Twitterbild (Avatar UND Gesamteindruck) wurde mehr als verstärkt. Es handelt sich wirklich um einen gelassenen Menschen, der ne Menge weiß, damit aber niemals kokettieren würde. Es gibt Menschen, die mit den meisten Menschen können, ohne dabei anbiedernd zu sein - mir scheint Alios gehört dazu. Nun muss ich ihn nur näher kennenlernen, um zu wissen was sich dahinter alles verbirgt. Münster scheint in jedem Fall ein Nest für Vorständler zu sein.

Es wird spannend, wie Markus mit seiner durchaus exponierten Stellung im neuen Vorstand umgeht. Eine wahre Rampensau wird er kaum sein. Somit hoffe ich eher darauf, dass er deutsche Talkshows um einen bisher unbekannten Piraten-Charakter ergänzt und dem Publikum einen völlig neuen Eindruck vermittelt. Es wird beiden nicht gefallen, aber ich spüre typtechnisch doch eine Verwandschaft zwischen Andreas Baum und unserem zweiten Vizechef. Ruhige Hand und lässiges Understatement.

Die Schwänin (und die Bezeichnung nur um endlich mal etwas zu gendern)

Swanhild gehört zu den ersten zehn Piraten mit denen ich jemals gesprochen habe. Sie war es, die mich auf meinen ersten Stammtischen maximal irritierte. Sie stach auf den damaligen Stammtischen ähnlich heraus, wie Gerwald Brunner auf einer Jung-Unionisten-Party. In jedem Fall konterkarierte sie sämtliche meiner Nerdklischees und ich durfte schon mit in ihrem Smart fahren!!1

Hamburger Vorstände haben wilde chaotische Zeiten hinter sich. In einem der etwas unglücklicheren Zusammensetzungen, mit einem verschollenen Vorsitzenden und dem zugehörigen Chaos, war sie Schatzmeisterin. Ein echter Pluspunkt ihrerseits ist in jedem Fall, dass sie dieses Amt nicht politisch mißbraucht. Sie leistet ihre Arbeit mit Fokus auf die Amtsbeschreibung, nämlich schatzmeisternd und faktenbasiert und überlässt die Bühne politischen Wahnsinns dem Restvorstand.

Bis auf einen winzigen Moment, den ich ihr damals durchaus übel nahm, bleibt mir wenig Platz für Kritik, insbesondere weil sie einen sehr ausgleichenden Deckel, ob mit oder ohne Amt bildete (und ich will extra kein Mütterchen-Bild bemühen). Das Amt des Schatzmeisters (ohne Ersatz) taugt durchaus Neuwahlen durch Rücktritt zu erzwingen. Das passierte damals leider unglücklich ohne zuvor gemeinsam eine Lösung zu suchen und steigerte die Unordnung im Hamburger Landesverband nur noch mehr. Die Wiederwahl war dadurch verwirkt, ABER mehr Schwamm drüber geht gar nicht - da dürfen sich fortan Archäologen mit beschäftigen.

Es scheint, als ob ein wenig Rückhalt hinter ihrer Wahl steckt. Insofern freue ich mich, dass Swanhild ihre langjährig erworbenen Kenntnisse im neuen Vorstand einbringen kann und wird. Es wird dadurch zwar etwas unwahrscheinlicher, aber vielleicht schaut sie ja doch mal wieder öfter beim Hamburger Stammtisch vorbei.

Die Herren Schomacker und Ponader

Ich äußere mich ja gern zu allem und jedem, aber in diesem Fall wäre jede Zeile nicht mehr als simulierte Einschätzung. Die beiden und ihr Wirken muss ich erst noch beobachten und mich mit ihnen austauschen bevor ich mir irgendein Urteil erlaube. Mein Bauchgefühl sagt mir, das ist kein Fehlgriff dabei, aber wir werden sehen…und ganz sicher werde ich mich zu geeigneter Zeit noch mal ausführlicher zu beiden äußern.

Der Tarzun

Noch vor gar nicht allzu langer Zeit hätte ich Klaus als menschgewordenen Rant bezeichnet. Ein krawallgebürstetes Wortfeuerwerk mit “gutmenschlichen” Intentionen, welches nicht nur schöne Bilder an den Himmel zeichnete, sondern umso lauter rummste. Mir persönlich gefiel das eigentlich, ist meine Meinung der seinen nur selten unähnlich gewesen - mein Harmoniebedürfnis ließ mich aber öfter staunend und fasziniert zurück. Wortgewaltiges Powertrolling intellektuell-emotionaler Prägung war es…

…und wurde langfristig immer konstruktiver. Tarzun ist zu jung für Altersmilde, aber es ist so angenehm zu verfolgen, wie kohlenstoffliche Kontakte und Telefonate genug Druck vom Tank nehmen, dass die eigentliche Intention und der Wille zur Konstruktivität wirklich erkennbar wird. Er erscheint mir als Idealist ohne sich wirklich in Prinzipienreiterei zu verlieren, außer gegen menschenfeindliche Kackscheiße und dort genießt er meine Rückendeckung.

Seine Steckenpferde LQFB und innerparteiliche Transparenz sind so greifbar, dass er gleichzeitig meßbar und angreifbar ist, wenn sich dort nichts tut. Nicht nur deswegen wünsche ich mir, dass dort wenig Steine in den Weg gelegt werden. Obwohl Tarzun sicher nicht unumstritten ist, zeugt sein Wahlergebnis von ausreichend Rückenwind. Ich freue mich, schon mancher Balkonpöbler war ein echter Gewinn für Vorstände egal welcher Gliederung. Hoffentlich bleibt ihm genug Zeit für seinen Twitteraccount.

Der Kungler

Ich verrate nichts Neues, wenn ich erwähne, dass ich nicht sein größter Fan und Fürsprecher bin. Er selbst kokettiert mit selbstzugeschriebenen Attributen wie Penetranz, Aktionismus, Omnipräsenz und zu großem Redefluss. Unsere Bewertung diesbezüglich scheint aber grundverschieden. Schon direkt nach Heidenheim fand meine damalige Telefonnummer in seinen Adressspeicher (und nein ich habe nicht deswegen eine neue Nummer). Die Intensität und minimale Zeiteinheit in der man auf allen Kanälen von ihm, auch wegen Banalitäten beschallt wurde zwang mich zum Schutzreflex des Ignorierens.

Macht rein gar nichts. Wir müssen nicht heiraten und unter 30.000 Piraten gibt es genug Platz für uns beide. Warum ich allerdings erstmals unter Namensnennung gegen ein exponiertes Amt für eine einzelne Person agitierte, möchte ich (auch ihm) erklären. Ich verlange von einem Vorstandsmitglied Fingerspitzengefühl und Selbstreflektion, auch wenn das minimale Zeitverzögerung zur Folge hat. Einmal nachdenken (vielleicht ein zweites Mal), bevor man ans Mikro schreitet, ein Interview befüllt, andere kritisiert etc. hilft! IMMER! Bei allem Respekt wären meine Bauchschmerzen unendlich gewesen, Matthias auf den vordersten Plätzen im Vorstand zu sehen. Ich möchte mich nicht für Aussagen rechtfertigen hinter denen ich nicht stehe - schon gar nicht vor Menschen, die mir wirklich wichtig sind. Das FDP-Uboot ist zwar bloß ein Scherz am Rande, die Unmöglichmachung dieses Scherzes aber liegt in des Kunglers Händen. Seine Ziele, insbesondere wirtschaftlich, teile ich nicht.

Ja, dieser kleine Part ist nun ein Rant, aber vielleicht auch notwendige Erklärung. Ich mag die Charaktereigenschaften “Selbstbeweihräucherung, Kompetenzsimulation und Schaumschlägerei” nicht und genau dieses Bild wurde mir immer wieder und zu jeder Gelegenheit vermittelt. Umso erschreckender finde ich Aussagen anderer Piraten á la “Naja, immerhin einer, der Ahnung von Wirtschaft hat” oder “immerhin macht er ne Menge”. Ja Fleiß ist wichtig, aber dafür braucht es noch kein Vorstandsamt. Nein, stete Wiederholung der eigenen Kompetenz macht noch keinen Experten. Seine Thesen konnten mich bisher nicht überzeugen und haben höchstens den Beigeschmack von billigem Populismus.

Ich wünsche Matthias nichts Schlechtes, gönne ihm sogar, dass er am Votum wächst und selbstreflektiv eine Kurskorrektur seines Weltbildes vornehmen kann. Darüber hinaus - und dafür ist viel weniger Hirnleistung nötig - widerfahre ihm bitte die Erholsamkeit, wenn man mal einen Gang zurückschaltet und Aktionismus schrittweise durch Besonnenheit ersetzt. Gleichzeitig die Penetranz auf ein Maß der Erträglichkeit zurückstutzt und Bingo, auch wir beide können mal gemeinsam unter vier Augen nen Käffchen trinken…dann liefere ich womöglich sogar eine aufrichtige Entschuldigung nach. Denn nichts liegt mir ferner, als MENSCHEN willfährig ans Bein zu pinkeln. Daher schließe ich diesen Part mit einem ernstgemeinten Danke für den durchaus wahrgenommenen Arschaufriss und erwähne nicht nochmal, dass es derselbe Arsch ist, der Erschaffenes wieder einreisst ;) PS.: Ich finde es aufrichtiger, offen und nicht hinterm Rücken zu meckern.

Die Schramm

Wo wir grad beim “ans Bein pinkeln” waren, verdient genau dieses Amt genau diese Zwischenüberschrift. Wie oft musste ich immer wieder ein verächtliches “die Schramm” und Schlimmeres lesen? Zu oft. Ja, Laprintemps polarisiert und befindet sich auch mental im steten Wandel. Das bietet eine große Angriffsfläche, insbesondere wenn man frech genug ist trotz erwartbarer Shitstorms auch öffentlich Stellung zu beziehen.

An manchen Tagen konnte ich nur Ekel empfinden. Die Äußerungen einzelner Piraten und anderer “Engagierter” waren so krass selbstentlarvend, wie gleichzeitig Ausdruck eines kanalisierten Selbsthasses. Erschreckend, mit welcher Dynamik inner- wie außerparteilich alles miteinander verknüpft und kombiniert wurde. Julia die Inkarnation des Bösen und der Definition eines jeden opportunistischen Selbstzwecks.

Ich bilde mir mein Bild zu ihrer Person immer neu, sie macht es auch nicht wirklich leicht, dass ich die Schublade endlich beschriften kann und manchmal, wenn ich bei der Lektüre ihrer Blogposts entnervt den Duden in die Ecke werfe, weil mir mangels Klartextdichte die Kernaussage entgeht…da will ich sie schütteln. ABER ich kenne sie auch als überentspanntes Mädel, die mit angheitert rauchiger Stimme um die dritte Zigarette bettelt. Und genau in diesem Moment, kann man sich ganz “normal” mit ihr unterhalten.

Ich bezeichne Julia mal frech als hausgemachtes Experiment: Wissenszuwachs und Fallstudie im Selbstversuch, Zielsetzung unklar. Sie will wissen, was, wie und warum passiert und verbrennt sich immer mal wieder die Finger. Das finde ich gar nicht mal so unsympathisch, aber hinterlässt offensichtlich an einigen Stellen verbrannten Boden. Es ist erstaunlich wieviele Attributszuschreibungen unterschiedlichster Richtungen es zu ihr gibt. Ich will keine davon ungesehen glauben, sondern hoffe auf das Beste. In jedem Fall scheint sicher: Wir werden alles mitbekommen. Ich persönlich denke, es wird noch genug Freiraum für direkten Austausch und weiteres Kennenlernen, über Twitter hinaus, geben und unterm Strich bleibt Optimismus.

Faktisch kann man davon ausgehen, dass Julia medial genötigt wird in Marinas Fußstapfen zu treten und “die schöne Piratin” mit Köpfchen zu geben. Möge sie dabei weder sich noch ihre Finger verbrennen. Dieser Medienhype ist nicht zwingend tauglich einen Charakter zu pflegen…

Abschließend möchte ich dem gesamten Vorstand zur Wahl gratulieren und insbesondere dort wo ich Kritik streute um Nachsicht bitten. Und der Partei danke ich für einen wirklich geilen Bundesparteitag, ich bin wieder ein Stück lieber Pirat…Grund genug diesen wohl allerallerlängsten Post geschrieben zu haben. Vielleicht liest ihn ja wenigstens einer bis zum Schluss.

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