Mistige 2 Prozent oder auch Splitter(im A****)Partei
Ich bin Claudius aus Hamburg und ich hatte ein Problem - Ich war unzufrieden mit “denen da oben”. Politisches Interesse gepaart mit Aversion gegenüber Politik(ern), zwingt einen zu bierseeligen Stammtischgesprächen, deren Effekt für die Weltgeschicke meist beschaulich verbleiben. Oder man wagt den Schritt in die Demotivation und schaut sich den Parteiproporz mal aus der Nähe an, um erneut zu resignieren…
Dann kam DIE Europawahl und nachfolgende Bundestagswahl und die ersten neugierigen Annäherungsersuche an das orangegefärbte, sympathisch-chaotische, politische Laientheater mündeten in meinem Parteibeitritt bei den Hamburger Piraten. Es lag (R)evolution in der Luft und herrschte allgemeine Euphorie, während man auf Wellen der Medienaufmerksamkeit ritt und seine digitale Dominanz in vollsten Zügen genoss…
…bis zum Kater und dem strafenden schwarzgelben Schlag in die Magengrube. Ein schwarzes Loch, obwohl wir doch in den Bundestag gehören und die Welt retten müssen. Realitätsabgleiche können sehr fade schmecken. Danach glichen die ersten Hamburger Stammtische dann auch eher einem Versehrten-Kabarett, mit gegenseitigem Wundenlecken. Resignation, Sinnsuche und Nickligkeiten kamen unangekündigt zu Besuch.
Dingdong, das Superwahljahr ist da, der Prinz hat sich wieder in eine Kröte verwandelt und die Hamburger Neuwahl weckte alte Hoffnungen - Großstadt und so. In urbanen Lagen - ohne Bundesthematik - da können wir Piraten doch mal unsere Progressivität in die Waagschale schmeissen. Aus Euphorieblasen lernt man eben nur schwer, wenngleich hinter vorgehaltener Hand auch realistische Einschätzungen, um die 3% erwartet wurden.
Es wurden nur 2,1%, wie sich auch in den anderen Bundesländern die Zahlen irgendwo zwischen 1,6 und 2,1% einpendelten. “Oh weh, die Welt geht unter - Alles ist vorbei” und “Wir haben zumindest kommunal oder bezirklich was erobert” waren die vornehmlichen Perspektiven, während sich immer routinierter dem politischen Alltag und (tatsächlich) weniger Trollerei gewidmet wurde.
Ich bin verdammt froh, was gerade passiert ist. Ich vergleiche uns nicht mit den Grünen, die einen idealen Nährboden, des politischen Umbruchs vorfanden und zeitgleich eine erste neue Kraft zwischen zwei Großparteien und der FDP waren. Die Welt war Ende der 70er in sich politischer oder negativ formuliert ideologisch umkämpfter. Wir machen heute, hier und jetzt das mit der vermeintlichen Hohlphrase: das mit der Vernunft.
Die Vorstellung, einige wenige wären zufällig in irgendwelche Rathäuser gestolpert, um dort ihre Feuertaufe zu erleben, während zeitgleich die Partei ihre zweite oder dritte Häutung erlebt…Puh!
Wir können von Glück sagen, dass unsere labile Zielfindung nicht durch solche Äußerlichkeiten torpediert wurde. Wir ziehen jetzt den klassischen, wohl aber gesunden Weg organischen Wachstums durch und beweisen uns sukzessiv in kleineren Parlamenten, ohne uns daran aufzureiben und Spaltprozesse weiter anzuheizen.
Nach dem krebsartigen Wachstum auf 12.000 Mitglieder ist jetzt endlich Zeit. Nicht die Zeit, um zu verschnaufen, sondern Zeit uns zu finden, zu kommunizieren und einen breiten Konsens auszuwürfeln. Da wartet noch jede Menge Streit und Herzblut auf uns. Allen Unkenrufen zum Trotz, sehe ich uns genauso wenig vor dem Untergang, wie vor der Aufgabe unserer Progressivität. Die Zeit und wir sind gemeinsam immer reifer, für die wirklich großen Aufgaben, die auf uns warten
> die Weltrettung, im Kleinen, im Großen und Mittendrin.
Zwei Prozent klingt so winzig, wie sie sind. Für mich fühlen sie sich nach einem gesunden Fundament, für soliden Programmausbau, Charakterentwicklung und wachsender dauerhafter Medienaufmerksamkeit an. Diese winzigen zwei Prozent nerven uns weit weniger, als die Etablierten. Und unsere wirkmächtigen USPs haben mit ein wenig Hege und Pflege, die Chance kräftige Blüten zu treiben.
Weil der Text schon so lang ist, benenne ich, welche großen Chancen ich für unsere Zukunft sehe:
1. Teil einer wachsenden internationalen Bewegung (PPI) in bisheriger Konkurrenzlosigkeit zu sein
2. Flüssige Demokratie derart zu wollen, dass wir so hitzig drüber streiten, dass wir sie irgendwann auch leben können.
3. Einen innerparteilichen Pluralismus derart nach Außen zu stülpen, dass immer mehr Menschen sich in uns erkennen.
4. Partizipation und Transparenz bis zur Schmerzgrenze abzufeiern und umso weniger angreifbar von Außen werden.
5. Kommunikation auf Augenhöhe auf ALLEN Kanälen.
6. MICH (und damit meine ich, jedenPiraten für sich individuell)
Wir brauchen keine Diskussion über Themenerweiterung oder Fokussierung, die Themen sind schon da, sie kommen zu uns und schließen einander nicht aus, solang wir sie weiterhin so demokratisch und hitzig diskutieren. Wir sind ein wachsender Organismus und arbeiten im laufenden Betrieb und da ist jede einzelne Wählerstimme, eine die es Ernst meint. Die Frage ist nicht, ob wir in ein Parlament einziehen, sondern wann und wo. Und jetzt lasst uns Hausaufgaben machen.
*UPDATE*
Weil ich das Alles immer nur aus dem Bauch heraus schreibe, braucht es auch diesmal ein PS.
Ich freue mich, in der Piratenpartei eine politische Heimat gefunden zu haben. Heimat im Sinne eines Bauplatzes auf dem ich selbst Architekt, Bauherr und Zimmermann spielen kann und kein Reihenhaus aus dem Katalog.
Ich will gestalten und das beginnt mit der innerparteilichen Strukturentwicklung als Grundlage für politische Meinungsbildung. Prozente oder Ämter sind finale Dekoration, aber in keinster Weise der vorrangige oder alleinige Antrieb. Mir ist die Sache Ernst genug, sie nicht zu verbissen anzugehen. Im Übrigen genieße ich diesen noch unbefleckten Zustand, DEN werden wir nie wieder zurück bekommen.