Auf zu höheren Weihen
Zeitgleich mit dem fünfjährigen Bestehen gelingt der Piratenpartei - mit dem Berliner Landesverband - erstmals der Einzug in ein Landesparlament. Die historischen neun Prozent dürften hierbei weniger die Meßlatte für zukünftige Wahlen darstellen, wohl aber den entscheidenden Hebel, die Serie mit knappen zwei Prozent langfristig zu durchbrechen.
Die Erfolgsgeheimnisse sind leicht enttarnt und ein Zusammenspiel diverser Faktoren. Seit der Europawahl, viel mehr noch seit der letzten Bundestagswahl wurde der Popularitätsschub der jungen Partei in Mitgliederzuwachs und Aktivität verwandelt. Allein die personellen Zuwächse haben die nahtlosen Wahlteilnahmen seit 2009 erst ermöglicht. Hinzu kommen wachsende Routine und Erfahrungszuwachs - programmatisch aber eben auch hinsichtlich PR und Wahlkampf.
Nach dem Achtungserfolg 2009 haben sich Presse, Politikwissenschaftler und Parteienforscher gern darauf konzentriert die Piraten entweder gänzlich zu ignorieren, totzuschreiben oder als belustigendes Dekoelement zu platzieren. Wider diese Startbedingungen fand sich immer wieder ein engagierter Haufen, der ehrenamtlich Zeit und Geld investierte die Partei weiter zu entwickeln und an Wahlen teilnehmen zu lassen. Der Beweis verfestigte sich, es gibt eine Sockelwählerschaft und wachsend mehr Aktive - die Eintagsfliege hat sieben Leben und flattert durchaus sichtbar.
Der Sockel von zwei Prozent geht immer einher mit positiven Ausreißern. Diese widerum sorgen für eine stetig wachsende Anzahl von Piraten die - Dreiprozenthürde sei Dank - vom Kandidaten zum Abgeordneten werden. Abgeordnete widerum bekommen mehr mediale Aufmerksamkeit, als chancenlose Wahlkämpfer. Der Bann bricht langsam und aus medialem Interesse erwächst Berührung mit Bürgern und Wählern über eine Nischenzielgruppe hinaus.
Mühe macht vor allem die letzte Lebendigkeit, die unserer diskret angestaubten repräsentativen Demokratie noch anhaftet. Lagerwahlkämpfe und überbudgetierte Inhaltslosigkeit, die sich mittels Großplakaten und Omnipräsenz in die wahlkämpfenden Landstriche hebelt. Als Kleinpartei haftet einem die potentielle Stimmenverschwendung an. Sympathisanten sind somit noch keine Wähler und so behaupten die Piraten sich in Richtungswahlkämpfen nur unter großen, kräftezehrenden und kreativen Anstrengungen. Doch sie bleiben und werden zumindest zur größten Außerparlamentarischen Kraft, die erste Miniprominenz entwickelt. Piraten - auch ämterlose - werden vermehrt interviewt und eingeladen und widerlegen immer mehr das Vorurteil einer Spaßpartei.
Die Stimmung kippt, das Bild wandelt sich. Die Kellernerds und Karnevalspiraten bekommen optische Konkurrenz von Stilbewusstsein oder Lässigkeit und doch etabliert sich mehr und mehr das Mit- und nicht das Gegeneinander. Zerstrittene Landesverbände supporten sich, ziehen am selben Strang. Professionalität - auch und gerade unorthodoxe - hält Einzug, ein Alltag entsteht.
Und dann kommt mit der Berlinwahl, ein Terrain zu tragen, dessen Historie und Demografie schon zur Bundestagswahl dankbares Pflaster für die Piraten war. Ein personell gut aufgestellter Landesverband beginnt - trotz anfänglichem Chaos - einen innovativen Wahlkampf und kann von Erfahrungen und Untersützung anderer Landesverbände zehren. Der Offlinewahlkampf simuliert erstmals eine Art Augenhöhe, die in einer verdichteten Stadt eher erreichbar ist, als im Flächenland.
Und alles zahlt sich aus. Erstmals erscheint in einer Umfrage ein eigener - weil über 3% - oranger Balken in den Wahlumfragen. In einem bis dato langweiligen Wahlkampf mit vorhersehbarem Ausgang gibt es endlich eine Story. Der Beginn einer Kettenreaktion: Medien berichten, Umfragen steigen, Medien berichten, Umfragen steigen usw. usf. Überregionales Interesse wächst, politische Mitbewerber reagieren erstmals deutlich und umso zickiger und die Piraten performen - zunächst gut, dann besser, dann Wow! Eine selbsterfüllende Sensation bereichert den Wahlkampf und die Piraten reiten die Aufmerksamkeitswelle souverän und treffen auf immer interessiertere Wähler und am Schluss wird alles mit unfassbar großen neun Prozent.
Die Vorzeichen und äußeren Umstände, die Vorbereitung und Unterstützung, intern und extern, Vieles und Alles war ideal. Aber auch einen Elfmeter muss man erstmal sauber verwandeln.
UND DAFÜR DANKE ICH EUCH, BERLINER PIRATEN UND BERLINER WÄHLER!!1
-
von vicserte als Favorit markiert
-
von dinge als Favorit markiert
-
von ulgane als Favorit markiert
-
von claudiusholler gepostet