Olaf RIP
Erste Male sind zumeist respekteinflößend. Auf dieses erste Mal hätte ich gern verzichtet. Fellwarmes Haupt meines siechen Schäferhundrüden in den Händen, seine treu ergebenen Augen blicken halbblind zu mir, während ewiger Schlaf in seine Vene gepumpt wird. Vor mir meine Frau und zwischen uns gemeinsame Tränen, während der Hund langsam zusammensackt und nie wieder Dreck in unsere Wohnung schleppen wird. So rational richtig die Entscheidung, so beklemmend das Gefühl “Herr über Leben und Tod” zu spielen. Und doch ging es einzig darum, ihm weitere Leiden in seiner illustren Krankengeschichte und einen ansonsten unvermeidlichen qualvollen Tod zu ersparen.
Ich wollte diesen Hund gar nicht. 2007 haben wir dieses Klappergestell von Schäferhund quasi geerbter Weise in der vormals untervermieteten Wohnung übrig behalten. Ein mitleidserregendes, ängstliches Bündel Fell mit tragischem Lebenslauf. Ängstlich insbesondere vor Männern und mit Knochenleiden, die ihm schon mit 7 Jahren viel Freude an der Außenwelt nahmen. Osteuropäische Fehlzucht, frühe Trennung von der Mutter, durchgeprügelt im Kofferraum nach Deutschland importiert und Heim gelandet, welches heute skandalumwoben seine Zulassung verloren hat. Ein Herrchen fasste sich ein Herz und versuchte ihn liebevoll aufzupäppeln, doch drittes Stockwerk und ein ereignisreiches Leben mit viel Menschenkontakt, ließen die Ängste und Schmerzen nur weiter sprießen.
Update: An dieser Stelle sei nochmal ausdrücklich erwähnt, dass unser Vorgänger in Olafs Verantwortung, sich sehr um sein Wohlergehen bemüht hat und ihm mit Liebe und Zuneigung begegnete. Das war auch der Grund, warum er uns bat, uns weiter um den Rabauken zu kümmern, weil er ihm umzugs- und berufsbedingt leider nicht mehr derart gerecht werden konnte, wie er es selbst gewünscht hätte.
Und so landete er bei uns, die wir fortan Gnadenhöfe und andere Möglichkeiten recherchierten, wo der alte geschundene Knochen einen würdigen Lebensabend verbringen könnte. Ich fühlte mich seinen Macken, Ängsten, Leiden und zugehörigem Zeitaufwand nicht gewachsen, bis eines morgens seine warme Schnauze auf dem Bett lag und er mich beim Aufwachen freudig anlächelte. Fortan durfte ich ihn berühren und anleinen, ohne dass er aus Angst zwickte. Herzensbrecher alter Schule erlegt mich und zwingt mich und meine Frau zu viereinhalb Jahren liebevoller Hege und Pflege. Strandurlaube im Norden und mehrfaches Frischfutter kochen, für den sensiblen Magen. Futterzusätze, die sein Fell bis ins hohe Alte in neuem Glanz erstrahlen ließen. Nebenbei immer weitere vertrauensfördernde Bestechungen, bis auch der letzte Fremde nicht mehr als Feind wahrgenommen wurde und keinerlei Ablenkung ihn von uns abwandte. Zuletzt immer schlimmere Diagnosen und diverse Medikamente, so dass er wider alle Prognosen noch glückliche Restmonate erlebte und fast zwölf Jahre wurde.
Olaf war am Schluss ein extrem freundliches Wesen, der trotz aller körperlichen Mankos und der üblen Vorgeschichte im Park um Komplimente heischte…und ich hab sein Licht ausgeknipst, um sein Ende schöner als seinen Anfang zu gestalten. Möge er sanft ruhen…
Und weil mich so eine Scheisse massiv mitnimmt:
Liebe Tierfreunde oder die ihr euch so nennt, man kann sich drüber streiten, ob uns Menschen das Domestizieren von Lebewesen überhaupt zusteht. Als Großstädter aus Modegründen ein dekoratives Fellknäuel zu erstehen ist verdammt noch mal eine riesige Verantwortung und selten schadfrei. Überzüchtete Kreaturen voller Gendefekte in zu kleinen Wohnungen preiswert über dubiose Quellen bezogen sind fern jeder Liebe. Es ist mehr als widerlich, Lebeswesen wie ein Accesoire passend zur Handtasche zu erstehen und das Elend, welches dem eigenen Egoismus anhaftet, darf gern mehr als bewusst sein.
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von roterclaus als Favorit markiert
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macventure-de hat gesagt:
Ich kann Dir nachfühlen und fürchte zugleich den Moment wenn das Unvermeidliche bei uns bevorsteht, behalte die schönen Momente im Gedächtnis.
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von macventure-de als Favorit markiert
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von claudiusholler gepostet