Gehirnakrobatik

Zu viele Zeichen fuer Twitter, zu langfristig fuer Facebook, zu wenig fuer meine Memoiren - aber meine Perspektive zur Welt.

Schluss mit lustig

Gruppen von mehr als einer Person - sprich alle - belästigen einige ihrer Mitstreiter mit Verantwortung, um die gemeinsame Sache besser voranzubringen. Politische Gruppen im Parteigewand neigen hingegen zu einer Verkropfung durch inflationäre Ämtervergabe, die vornehmlich der Egopolitur und einem vermeintlichen Burgfrieden dienen soll. Die Grundvoraussetzungen definiert - ganz deutsch - ein Gesetz. Die Piratenpartei möchte in diesem Regelbetrieb mit schlanken Strukturen ebenso glänzen, wie mit flachen Hierarchien.

So weit so aufregend gönnen sich die Piraten seit ihrer Geburtsstunde und auf allen Ebenen und Untergliederungen einen ewigen Wettbewerb um den idealsten, gerechtesten und zielführendsten Weg. Und weil “Keep it simple” irgendwie so nach dem letzten Jahrhundert klingt, wagt man sich in die Tiefen der Mathematik und versucht sich an Modellen, ähnlich nachvollziehbar wie die spontanen Bedürfnisse einer Hauskatze. Dafür braucht es umso mehr Rechenleistung, Erklärungsbedarf, Fehlerquellen und Personal, um am Schluss irgendein Ergebnis solange schönzureden, bis auch wirklich jeder Bauchschmerzen damit hat. Aber zur nächsten Wahl gibt es sicher ein noch optimaleres Wahlsystem, bei dem nach sieben Tagen weißer Rauch aufsteigt und eine messianische Armee ins Leben gerufen wird.

Ich persönlich bin großer Freund von Trial & Error und Work in Progress. Experimentierfreude gebiert oftmals Großartiges. Bei Personenwahl - gleich ob Ämter oder Kandidatenlisten - bin ich jedoch überzeugter Anhänger von Modalitäten, die sich jedem Wähler zügig begrifflich machen lassen, schnell in ihrer Auswertung sind und vor allem in ihrem Ergebnis nachvollziehbar sind unf nächstmöglich an die Wünsche der Basis herankommen.

Wir brauchen Teams. Teams die einander zuarbeiten, die sich ergänzen und denen doch genug Reibung innewohnt, dass Selbstreflektion und Debatte die Gesamtarbeit qualitativ steigern. Diese Teams müssen in ihrer Heterogenität und Charakteristik die Partei und ihre Mitglieder gleichermaßen ansatzweise widerspiegeln. Insbesondere das Zusammenspiel und die Reibung zwischen Vertretern von Majorität und Minorität unter Einbezug der jeweiligen Anteile in der Basis, bilden hier die Garantie für konstruktiv kompromissbehaftete Lösungen.

Der Fakt, dass unzufriedene und übergangene Minderheiten mehr Lautstärke produzieren können, als eingelullte Anhänger einer Mehrheitsmeinung ist Faustpfand der Besonnenheit. Und hier schließt sich der Kreis hinsichtlich einer fairen, ausgleichenden aber simplen Wahl. Wir alle wollen gewonnen haben. Einzig darum geht es aber nicht, sondern um Ausgleich und Zusammenwirken. So argwöhnisch ein jeder seinem Gegenüber maximalen Opportunismus und fehlende Fairness unterstellt, so gegenteilig stellt sich das Verhalten einer größeren Gruppe dar. Diplomatie fällt umso leichter, je mehr die eigenen Interessen schon befriedigt scheinen. Mit der “Installation” des/der eigenen Wunschkandidaten, wächst die Bereitschaft einen Kandidaten zu akzeptieren, der weniger Deckungsgleichheit mitbringt. Diese Zugeständnisse einer Majorität fühlen sich für die Minorität wie ein später Sieg an oder zumindest nach versöhnlicher Genugtuung.

Nacheinander weg gewählte Vorstandsposten oder Listenkandidaten bedeuten zwangsläufig eine dynamische Veränderung der Mehrheitsmeinung der wählenden Basis und erzwingen nebenbei Kompromisse, die zuvor unmöglich schienen. Ist mein eigener Lieblingskandidat der strukturierte Denker mit besonnener Vorgehensweise und wird hineingewählt, schwindet der Wunsch nach so einem Kandidaten mit jeder weiteren reingewählten Person ähnlicher Prägung. Irgendwann möchte man dann doch ein bereicherndes Element im Team sehen und traut sich auch den Kandidaten zu wählen, der einem ansonsten als zu provokante Rampensau erschien - und umgekehrt.

Ein Kreuz je einzeln gewähltem Posten erfordert zu Anfang etwas mehr Wahlgänge. Zeitgleich beginnen ab der ersten Wahl dynamische Prozesse und echte (teilweise hitzige) Debatten. Man ist zur Einigung genötigt und schlussendlich gewinnt derjenige, der in dem Moment und für den jeweiligen Posten das meiste Gesamtvertrauen hinter sich bringt. Jeder nächste Wahlgang basiert allerdings auf den zuvor gefällten Entscheidungen und fällt konsequenterweise anders aus, als bei allen Wahlsystemen mit weniger Fokussierung und/oder mathematischen Hebeln, die Gleichzeitigkeit oder Gerechtigkeit suggerieren sollen.

Eine klare Wahl zwingt zu Auseinandersetzung mit jedem einzelnen Bewerber, aber eben auch der gesamten Teamzusammenstellung*. Andererseits gibt es keine faulen Kompromisse. Es landet nicht derjenige in hoher Verantwortung, der bisher den Wenigsten wehtat oder am wenigsten negativ auffiel und jede gefühlte Fehlentscheidung kann in einem oder mehreren späteren Wahlentscheidungen korrigiert bis kompensiert werden. Ein charismatischer Liebling mit rhetorischen Fähigkeiten würde bei den meisten Wahlsystemen auf prominenten Positionen landen. Aufeinanderfolgende Wahlgänge mit nur einer Stimme pro Wähler, lassen aber an geeigneter Stelle auch den wichtigen Platz für weniger populäre, aber durchaus qualifizierte Aspiranten, die ansonsten vielleicht untergangen wären. Allein die mehrfache Auseinandersetzung mit ihnen, durch wiederholte Teilnahme an den Wahlgängen lässt zu, dass sie sich bekannter machen können oder vermasselte Erstbewerbungen mit einem weiteren Auftritt ausgleichen.

Bei Listenwahlen, insbesondere für vorderste oder hintere Plätze muss auch dem Wunsch der Kandidaten entsprochen werden, sich explizit für eine bestimmte Position zu bewerben. Leider sortieren die Medien noch immer nach nummerischer Reihenfolge, was gefühlte Wichtigkeit und Prominenz der Personen auf einer Liste angeht. Niemand soll gegen seinen Willen auf den ersten Platz gewählt werden, nur weil es das Wahlsystem zulässt, der Bewerber sich auf Platz drei oder gar 23 viel wohler fühlt oder einfach nur Füllwerk sein möchte, der die Liste quantitativ ausbaut. Wir brauchen Menschen auf eben jenen Positionen, auf denen sie sich selbst sehen und die ihnen zugestanden werden. Das funktioniert nicht durch sortierende Wahlsysteme. Die anfängliche “Gefahr” einiger Wahlwiederholungen bei hohen Positionen mit mehreren Bewerbern reduziert sich spürbar mit jeder weiteren zu vergebenen Position.

Um den langen semiaufgeräumten Gedankengang abzuschließen zieht sich folgendes Fazit:
Wir benötigen Parteimitglieder in besonderen Verantwortungen und wir wünschen uns unterm Strich eine Mischung, die kaum jemanden ausschließt, die Basis aber umso besser wiederspiegelt. Das lässt sich nicht wegrationalisieren. Im Zweifel brauchen valide Wahlergebnisse die Zeit, die sie eben brauchen. Dafür ergibt sich ein Resultat, welches mehr Menschen akzeptieren können, als Teil der gefühlten Majorität sind. Und allein um die Trollquote oder rebellierende Minderheiten im Zaum zu halten, beginnt ab Wahltag die Phase des Aufeinanderzugehens, der Diplomatie, der ausgleichenden Kommunikation und dann

HABEN WIR ALLE GEWONNEN.

*Jeder vergöttert Messi / jedem ist klar, dass eine Mannschaft voller Messis unfähig ist zu gewinnen.

  1. von claudiusholler gepostet
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