So sehen Sieger aus…
Ich war nicht in Heidenheim. Ich hatte eine glückliche familiäre Ausrede und eine unglückliche bettlägrige Erkältung als Ausrede. Dennoch war ich buffernderweise zu einem großen Teil live im Stream und verfolgte unsere Hashtags.
Bis auf Bernd haben wir nun einen komplett neuen Vorstand, dessen Altersdurchschnitt, dem Ex-Schatzmeister zum Trotz, erheblich gesunken ist. Wobei gefühltes Alter bekanntermaßen relativ ist. Mein Wunschvorstand kam nicht zustande. Tröstenderweise lag es nicht an meiner fehlenden Stimmabgabe.
Ich bin gewillt, dem demokratisch legitimierten Vorstand seine Chance zu geben und sperre mich nicht dagegen, mein Bauchgefühl widerlegt zu bekommen. Es liegt mir fern, den schlechten “Verlierer” zu spielen.
Leider übertrafen die ersten Pressestunts meinen Pessimismus in Wort und Bild. Ich versuche optische Ersteindrücke aus Be- und Verurteilungen auszuklammern und weiß, dass mir zuallerletzt Frisurenkommentare zustehen. Auch möchte ich Menschen nicht für eine Vorliebe für Anzüge verschubladen, wenngleich meine Augen eine gewisse Vorliebe für Passformen haben.
Viel mehr nährte sich meine Hoffnung, dass ein anzugtragender Vorsitzender einen Hauch mehr Seriösität in die Fotosammlung der Presseredaktionen trägt. Weit gefehlt. Auch nach einer Nacht Abstand empfinde ich Fremdscham für die Jubelposen und den speckigen Dreispitz, mit denen sich Sebastian Nerz ablichten ließ. Insbesondere vor dem Hintergrund, der hitzigen Vorwahlphase und der sensiblen Stimmungslage der Gesamtpartei, hätte eine winzige Nuance Demut und Besonnenheit durchaus für Pluspunkte sorgen können. Meine erste subjektive Assoziation war “Karneval im Festzelt”.
Zumindest erzeugt die Piratenpartei wieder Medienecho. Doch auch Worte taugen dazu Irritationen zu erzeugen. Ich seziere den Pressespiegel absichtlich nicht und schiebe die subjektiv so empfundenen Entgleisungen auf den überschwänglichen Endorphinhaushalt, Stress und Parteitagsübermüdung. Ansonsten müsste ich böse enttäuscht sein, über die präzise Mitnahme an Fettnäpfchen.
Sebastian, der du in BaWü offensichtlich großen Rückhalt genießt und auch auf Bundesebene 60% von dir zu überzeugen wußtest - meinen Segen hast du noch nicht. Ich hoffe “Geschlossenheit” und eine geeinte Partei sind mehr als Hohlphrasen deinerseits. Setzt sich das anfängliche medial erzeugte Top-down-Gefühl fort, sehe ich wenig Potential für Harmonie.
Mein zweiter Magengrimm nennt sich Kungler und eigentlich reicht dieses selbstgewählte (wenngleich ironische) Pseudonym, um mein Befremden zu erklären. Kungeln ist - auch augenzwinkernd - eine Mischung aus Penetranz, Opportunismus und Blendwerk.
Ja, auch mir wurden folgender Satz zugetragen: “der macht wirklich ne Menge und hängt sich rein”, aber eben auch “ich weiß, der ist total nervig und anstrengend und redet zuviel, aber eigentlich…”. Sorry, das reicht mir nicht. Es reicht mir auch nicht, wenn jemand vorgeblich selbstreflektiert mit seiner Penetranz kokettiert. Zur Selbstreflektion gehört auch der Wille zur Veränderung.
Als Hamburger mit Hang zum Größenwahn, bin ich dennoch großer Freund von Understatement und nicht ganz so dick aufgetragener Wichtigkeit. Meistens verbirgt sich hinter einem viel zitierten Netzwerk “wichtiger Medienvertreter” und besten “Kontakten in die Wirtschaft” viel lauwarme Luft. Ich will sehen - Dröhner haben wir nämlich genug in der Partei, davon hebt man sich auch durch ein bißchen vorsichtiges FDP-Gebashe nicht ab.
Also Matthias Schrade, tue gern Gutes und rede drüber, aber bring mich gern dazu, dir auch zuhören zu wollen.
Danke, Bitte und sorry für den Rant zum Montag. Ich lass es lieber raus, als im Hintergrund zu diskreditieren.
PS.:
Einige Personalien im Restvorstand haben mir durchaus ein Lächeln ins Gesicht gezaubert und/oder einen Hoffnungsschimmer gesetzt. Und was immer passiert, die nächsten 365 Tage hab ich mir durchaus auch vorgenommen, die eigene Nase zu massieren.
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von claudiusholler gepostet