Gehirnakrobatik

Zu viele Zeichen fuer Twitter, zu langfristig fuer Facebook, zu wenig fuer meine Memoiren - aber meine Perspektive zur Welt.

Liquid Feedback

Transparenterweise gestehe ich meine kaum bis gar nicht vorhandene Liquid Feedback Aktivität. Meine Begründung “das ist alberne Scheisse” wird zunächst ein Lächeln auf die schmallippigen alubehüteten Gesichter (letztmalige Beleidigung in diesem Text) zaubern, welches ich sofort wegwische. Ich finde unsere Umsetzung und die aktuelle Legitimation Scheisse und unbrauchbar. Ich werde diese Instanz nicht kaufen - sie ist zerkratzt.

Nach dem rantigen Einstand versuche ich zu erklären. Ich war nach dem BPT in Bingen frohen Mutes, dass wir als Partei ein Zeichen setzen und flüssige Demokratie lernen, leben und lieben werden. Ich hoffte auf eine Weiterentwicklung hinsichtlich intuitiver Benutzeroberfläche und auf zielführende Meinungsbildung. Ich hoffte auf abstimmfähige Ergebnisse, ausgearbeitet von einer kompetenten und aktiven Nutzerschaft. Piraten, die sich mit Engagement, Motivation und Ahnung in ihre Themenbereiche stürzen, ausgestattet mit Delegationen und Stimmgewicht und die mein Vertrauen in progressive Programatik verwandeln.
Mir war von Anfang an klar, dass ich Liquid Feedback nur partiell wirklich aktiv füttern können würde. Auch halte ich mich nur in einigen Themen fit genug, sie mit qualifizierten Beiträgen und Anregungen derart zu pimpen, dass meine Mitarbeit notwendig wäre. Dazu kommt ein weniger ausgeprägtes Interesse für bestimmte Bereiche. Dort möchte ich zwar dennoch meine “Meinung” vertreten wissen, aber die Entscheidungsfindung nicht zwingend in Gänze nachverfolgen und abstimmen müssen.
Ich muss meine Nase nicht überall hineinstecken und gebe mein “Vertrauen auf Widerruf” gern her. Ich weiß um das Risiko, aber die Qualität und Reputation anderer Mitstreiter, wären mir temporäre Sicherheit genug.

Will damit sagen, dass ich wohl niemals hochfrequenter Partizipant von Liquid Feedback gewesen wäre, es aber sehr wohlwollend als Parteiinstrument gewünscht hätte. Zu gewissen Phasen des Freizeitüberschusses oder bei mir wichtigen Themen, wäre meine Passivität gesunken, um mich wirklich selbsttätig einzubringen. Die Gesamtheit der Ergebnisse, hätte voraussichtlich durchaus meinen Wünschen entsprochen oder mich zu mehr Engagement gezwungen. Im schlimmsten Fall, hätte ich eben gelernt, mich doch in der falschen Partei zu befinden (was ich nicht glaube).

Fortwährende Zugeständnisse und Kompromissfindungen haben meine Freude an LQFB geschmälert. Für Bedenkenträger und Skeptiker eingeführte Änderungen hinsichtlich Anonymität, Datenschutz und Historie haben (wen wundert´s) nicht dafür gesorgt, dass die Skeptik in Euphorie umschlägt oder das Ansehen dieses Tools gesteigert. Vielleicht ist mir die massenweise Mehrnutzung von vorigen Gegnern aber auch nur entgangen, doch gefühlt wurde unsere Piraten-Instanz zu Tode kuriert.
Kein Kompromiss wird dafür sorgen, dass LQFB-Gegner auf einmal zu hochaktive Nutzern werden, während zeitgleich die Frustrate bei den Befürwortern zu stetig fallender Nutzung führt.

Ich glaube noch immer an Liquid Democracy und ich glaube auch, dass Liquid Feedback das richtige Tool dafür ist - in seiner originären Variante. Vielleicht ist die Lösung des Interessenskonflikt viel einfacher, als die verhärteten Fronten glauben machen und die Zeit reif für einen Plan C:

Ein offenes Liquid Feedback, dessen Nutzung einen klar zuzuordnenden Benutzernamen (gern Klarnamen) und eine nachvollziehbare Historie erfordert. Die Teilnahme ist freiwillig, während der Mehrwert des Tools, durch seine Nutzung bewiesen oder eben widerlegt wird. Je größer die aktive, wie passive Beteiligung, desto repräsentiver die Ergebnisse…

…SELBST WENN das Tool (zunächst) keine legitimierten Meinungsbilder mit Satzungsrang liefern darf. Wenn genug Nutzer es leben lassen und Greifbares mit großer Zustimmung resultiert, dann haben die Anträge durchaus Potential auch auf Parteitagen positiv abgestimmt zu werden. Wenn sie dafür zuvor auf egal welchem Wege priorisiert werden müssen, um ihren Weg in die Abstimmung zu finden, dann gilt es hierfür ausreichend zu werben. Die Aufstiegschancen, des dann “korrekt” genutzten Tools bleiben gegeben, ohne es zuvor unsäglich kastriert zu haben.

Ein winziges PS.: Die geschilderte Variante könnte sich durchaus auch über die Partei hinaus öffnen und politisch interessierte Nicht-Piraten an der Meinunsbildung voll partizipieren lassen, so sie sich nicht nur anonym beteiligen wollen. Das wäre Politik auf Augenhöhe über jeglichen Parteiproporz hinweg. Bürgerbeteiligung und so…

  1. von claudiusholler gepostet
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