Gehirnakrobatik

Zu viele Zeichen fuer Twitter, zu langfristig fuer Facebook, zu wenig fuer meine Memoiren - aber meine Perspektive zur Welt.

Spackeria…loser Wortmüll

Ich wage einen Tanz zwischen den Fronten im Datenschutzdilemma. Hierbei möchte ich meine Sympathie für die Spackeria nicht verhehlen, wenngleich ich deren überspitzten Forderungen als das bewerte was sie sind: Denkanstöße.

Seit einigen Jahren lehne auch ich mich immer weiter aus dem Fenster und “riskiere” Öffentlichkeit - auch, aber nicht nur - im Internet. Ich begann mit Pseudonymität durch Nicknames, die sich im Laufe der Zeit immer näher an meine bekannten Rufnahmen annäherten und kommuniziere mittlerweile immer häufiger mit Klarnamen. Wiedererkennbarkeit und die Möglichkeit eine klar zuzuordnende Kommunikation - auch im RL - führen zu können waren die ersten Gründe, desweiteren geht es auch darum eine “eigene” Identität und Reputation zu erarbeiten.

Die Spackeria lenkt ihren Fokus auf digitale Naturgesetze, die Eigenschaften von Daten. Liquide wie Quecksilber lassen diese sich nur mit größter Mühe einsperren - 100%iger Schutz aber bleibt unerreichte Zielvorgabe. Vielmehr wiegt ein vorgeblicher Schutz in falscher Sicherheit und zeigt bei Veröffentlichung sensibler Daten, wie naiv Menschen dazu neigen einige Daten überhaupt erst zu erstellen.

Die Erstellung von Daten ist der erste Schritt, weg von Schutz, hin zu Öffentlichkeit. Es zeigt sich immer mehr, dass die Erstellung nicht einmal selbsttätig vollzogen werden muss. Heutzutage ist jeder ohne freies Zutun zeitgleich potentieller Paparazzi und “Opfer” von Veröffentlichungen. Schlussendlich sehe ich in der Existenz der Spackeria vor allem die Verdeutlichung eben dieser Umstände. Alles kann öffentlich werden, so es interessiert - Schutzvorkehrungen bieten lediglich Verzögerung, wenn überhaupt.

Und doch ist niemand nackt und wehrlos ausgeliefert. Denn nichts ist so egal und wandelbar wie die eigene Identität. Keine Identität ohne Perspektiven, ohne subjektive Bewertungen, ohne Gesamtheit der vorhandenen Informationen und ihr Zusammenspiel.

Wer ist Sascha Lobo? Laut Google erfahre ich auf 339.000 Websites, was sich hinter diesem Namen verbirgt. Die Wahrheit wohl kaum, die bleibt relativ, subjektiv und tatsächlich egal. Jeder Furz des noch so kleinen Neiders, Fanboys und ihm selbst findet sich irgendwo im digitalen Raum. Aus dieser Melange lässt sich vielleicht ein Destillat dessen erzeugen, was er AUCH ist, aber eben nicht Alles. Ein einzelner Mensch erzeugt in seinem Leben derart viele Informationen, dass er selbst nicht in der Lage ist, seine Identität ohne Relevanzverdrängung zu erfassen und auch dieser Restwert bleibt einzig eines: subjektiv.

Was Sascha Lobo indes beweist, ist ein neuer Weg des Datenschutz. Quasi-Anonymität durch Informationsüberfluss. Einzelinformationen über seine Person, haben eine geringe Halbwertszeit oder gehen direkt unter in der Überdosis auszuwertender “Fakten”. Hinzu kommt der schon vorhandene digitale Radiergummi, der Zeitstempel. An welchem Ort Sascha Lobo, am 23.05.1991 war, lässt sich vielleicht ansatzweise sicher herausfinden, ist aber für seine heutige Existenz von nebensächlicher Bedeutung.

Das Datenschutzsystem á la Lobo, geht noch weitere Wege. Validität von Information ist schwer nachzuweisen. Traue keiner Selbst- und keiner Fremdveröffentlichung - alles nur Schein. Und wenn sein Twitteraccount morgen den Beitritt zu Scientology verkündet… who knows but him? Dazu der haufenweise Bullshit zahlreicher Identitätsanmaßungen, die Verwirrung ist perfekt. Und doch ist ein Sascha Lobo greifbarer, als manch Kellerkind mit Pseudonym - bis zum Zeitpunkt einer Zwangsveröffentlichung. Heimlichkeit weckt Begehrlichkeiten, nach einer Enttarnung, ist das schickste Pseudonym nur mehr ein Garant von Rückverfolgbarkeit. Wobei auch hier der “Wahrheitsgehalt” von Information, dieselbe Nähe abbildet, die ein WoW-Avatar mit seinem Spieler haben dürfte.

Halbechte Anonymität lässt sich nur durch Langeweile erzeugen, durch Diskretion mittels Passivität. Ein Mensch der lediglich sein vegetatives Nervensystem benutzt, erzeugt keine beachtenswerten Daten, gewinnt aber auch nicht sonderlich viel Spaß am Leben. Veröffentlichte Saufbilder hingegen, beweisen zumindest die vorhandene Chance, dass hinter der digitalen Information, ein menschlicher Erzeuger steckt. So den 200 volltrunkenen Randalebildern ausreichend “Positivinformationen” gegenüberstehen, dürfte ein Arbeitsplatz dennoch realistisches Ziel bleiben. Was die Gesellschaft gerade lernt, ist die Erkenntnis, dass ein besoffener Charlie Sheen aus dem September 2010, durchaus ein vermögender Entertainer im Mai 2011 sein kann. Momentaufnahmen beschreiben Momente, nicht mehr.

Öffentlichkeit ist unser Preis, für die emanzipierte Teilnahme an der Gesellschaft, als Sender, Störer und Partizipant. Der Kontrollverlust hinterlässt einen so ohnmächtig, wie man ihn zu verstehen weiß. Begreift man die eigene Öffentlichkeit als Image, weiß man aus Schulzeiten, wie man damit umzugehen hat. Mobbing und Gerüchteküchen einerseits und aktive Kurskorrektur andererseits ergeben zumindest eine Annäherung an die gewünschte Außenwirkung seinerselbst. Kotze ich jeden Tag auf den Rathausplatz, ist meine Reputation schwerer zurückzuerobern, als kellnerte ich jeden Tag in der Caritas. Alles ist Nichts ist Alles, Spackeria lehrt einzig und allein, dass man sich dessen bewusst sein muss.

  1. von claudiusholler gepostet
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