Gehirnakrobatik

Zu viele Zeichen fuer Twitter, zu langfristig fuer Facebook, zu wenig fuer meine Memoiren - aber meine Perspektive zur Welt.

Geistige Eigentumsdelikte im Wandel der Zeit / vorindustriell

Der Musiker in seinen verschiedenen Ausprägungen und Qualitäten, spielt seit Menschengedenken eine ohrenschmeichelnde oder -quälende Rolle. Seit langer Zeit überlegt sich der Konsument, wie man den Künstler um sein verdientes Brot bringen kann und sich seine akkustische Auslassung heimlich erschleicht.

Erste rhytmischmelodische Untermalung in menschlicher Gesellschaft dürfte zeitnah mit der Entdeckung des Feuers stattgefunden haben. Schon damals waren die Künste unterhaltender, spiritueller und/oder inspirativer Natur. Das erzeugen von Klang war live und handgemacht und setzte voraus, dass man dafür keine lebensnotwendigen Tätigkeiten außer Acht lässt.
Oder aber einen solchen Stellenwert innerhalb der Gemeinschaft erwirkt hat, dass man sich ganz oder teilweise den schönen Klängen widmen konnte und parallel mit “ausgehalten” wurde. Für einen vollen Magen, war also oft gesorgt.

Der geschätzte Barde und Melodiker konnte seinen Ruf im Laufe der Zeit ausbauen. Das Ansehen seiner auf ersten Blick nicht überlebensnotwendigen Tätigkeit wuchs und auch in schlechten Zeiten spielte Musik eine wichtige Rolle, sei es zur Ablenkung. Fähige Musiker konnten herumreisen und andere Menschen mit ihren Werken bezirzen, immer noch live und in Echtzeit.

Früh begannen auch weniger begabte Zeitgenossen sich musikalisch zu versuchen. Sei es in gemeinsamen Jamsessions am Lagerfeuer oder gar allein, beim wandern, zum schlichten Zeitvertreib. Weniger Talent kompensiert man durch Orientierung am Vorbild, durch Nachmachen, durch Wiederholen. Menschen begannen dem Künstler Konkurrenz zu machen, durch Anmaßung bei zeitgleichem Qualitätsverlust. Trotzdem wurde anlassbezogen nur zu gern das Original gebeten zu musizieren oder zumindest lehrreich andere Talente zu fördern.

Im Laufe der Evolution und durch grundlegende Komfortsteigerungen, wie aufrechtem Gang, selbsterzeugte Wärme, bessere Waffen gab es auf einmal vermehrte Freizeit. Diese Leere forderte die Menschen heraus. Sie suchten nach Sinn oder Beschäftigung. Die Quote der Selbstmusizierer wuchs und zeitgleich gab es für jede Hierarchiestufe ein passendes leistbares Instrument. Qualität setzte sich auch diesmal durch, zumindest durch vielzitiertes Liedgut und Volksweisen. Reihum gereicht und von Dorf zu Dorf getragen. Erst Künstler beschäftigten sich mit Instrumentebau, um ihre Kenntnisse dennoch zu verwerten. Andere konnten bei Hofe als dekorativer Klangteppich arbeiten und nebenbei Hofdamen unterrichten oder schwängern. Mittlerweile gab es oft mehr zu verdienen, als nur die Hand im Mund.

Die Zahl der echten Talente wuchs und auch immer mehr Dilettanten versuchten ihr Glück. Um sich abzuheben, musste man regelmäßig neue Melodien erzeugen, spannendere Instrumente spielen, Zeitgeist in Worte hüllen. Denn ewig kopierte Weisen, sind zwar Gassenhauer, aber zeugen nicht von Einzigartigkeit. Manch Minnesänger wurde über die mittlerweile vorhandenen Stadtgrenzen hinaus bekannt und konnte reisen, um mehr Publikum zu begeistern und auch Belohnungen einheimsen. Das weckte Neid und sorgte zudem für weitere Zitate besonderer Lieder und berauschender Techniken. Einige Stücke werden noch heute aufgegriffen und genossen, viele Lieder sind zum Allgemeingut verkommen.

Der Zeitgeist war ein großer Vorteil für den Künstler. Er konnte aktuelle Themen aufgreifen und stimmungsvoll untermalen und traf so oft genau den Puls. Zeitgleich wuchs die Vielzahl an Instrumenten, Stilrichtungen und begabten und weniger begabten Voll-, Teil- und Freizeitmuskussen. Orchester wurden begründet, manche in anstellungsähnlichen Verhältnissen, die auf Zuruf altbekannte Klassiker oder moderne Stücke intonierten. Manches Stücke waren so populär, dass diese an Orte kamen, die der Urheber nie besucht hat und teilweise noch immer gespielt werden.

Um die Kreativität zu fördern, wurde den Komponisten viel Freiraum und Großzügigkeit zuteil. Mann von Welt war es opportun im Schein des Musikers mitzuglänzen und seine Untertanen gelegentlich dran teilhaben zu lassen, beim rauschenden Feste. Große Städte und Kirchengemeinden nutzten die wachsende Gier auf Musik und bauten immer größere Sääle und Konzerthallen. Sogar kommerzielle Veranstalter richteten sich ein und ließen die Gäste gegen Eintritt teilhaben. Ein Teil der Einnahmen floß an die Künstler oder handwerklichen Klangerzeuger. Musik wurde mehr und mehr auch Geschäftsmodell, mit direkten und indirekten Profiteuren und immer noch glücklichen Gesichtern beim Publikum. Applaus und Sympathiebekundungen haben über die Jahre zugenommen und manch Barde musste um seine Unschuld bangen. Aber zumindest konnte er davon leben, wie schon damals am Lagerfeuer.

  1. von claudiusholler gepostet
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